Arthur Schnitzler an Otto Brahm, 2. 11. 1903

Lieber Herr Brahm,

heute ist der »Einsame Weg« an Sie abgegangen. Ob das Stück als Ganzes gelungen ist, vermag ich heute nicht zu sagen. Aber in Hinsicht auf mein Bemühen darf ich mir diesmal keinen ernstlichen Vorwurf machen. Daß das Stück eigentlich zwei nahezu gleichberechtigte Handlungen enthält, wird hoffentlich als Mangel nicht empfunden werden, wenn es herauskommt, wie zum Schluß die beiden Handlungen zusammengefaßt werden und in einem tiefen Sinn verglänzen oder verdämmern. Aber die Kritik bleibe Ihnen überlassen, so sehr ich noch mancherlei zu bemerken hätte. Ich möchte nun heute schon – die Annahme durch das Deutsche Theater vorausgesetzt – ein paar Worte zur Besetzung beifügen. Die Schwierigkeit beginnt mit der ersten Person des Theaterzettels Wegrath, bei dem ich es unangenehm empfinde, daß Sie Sonnenthal nicht engagiert haben. Früher hätt ihn Reinhardt (nicht meinen inneren Gesichten entsprechend) gespielt; wer heute? – Frau Wegrath ist die Dame, die nicht von der Pöllnitz gespielt werden darf. Es muß noch ein Hauch von Erotismus um sie schweben, und ich sähe sie lieber von einer zu jungen als zu alten Person dargestellt. – Felix, trotz Jugend und Ulanenuniform, wäre auch heut noch bei Rittner am besten aufgehoben, aber mir ist, als wenn Sie für Julian Fichtner absolut keinen anderen hätten als gerade Rittner. Kann aber Herr Stieler (sonst kommt ja keiner ernstlich in Betracht) die Rolle des Felix bewältigen? Bringt er das Intellektuelle mit? – Johanna-Fräulein Triesch ist wohl selbstverständlich. Julian-Rittner, ja .  .  .  Aber wenn Rittner den Felix spielen muß? Julian ist so schwierig als .  .  .  leider undankbar; es liegt im Lauf der Begebenheiten, daß er von allen und scheinbar auch vom Dichter fallengelassen wird – denn daß einer zur Einsicht kommt, hat ihn auf dem Theater noch nie gerettet. Hier bedaure ich, daß Mitterwurzer zur Unsterblichkeit eingegangen ist, statt noch Weile, und diesmal in Berlin , sterblich zu bleiben. Sala ist die Rolle schlechtweg, Bassermann ist der Schauspieler schlechtweg, die beiden werden sich unschwer finden. Wäre auf Sauer noch zu rechnen – ich höre, daß er heuer wieder sehr leidend ist – so könnte man auch an eine Besetzung JuliaBassermann, SalaSauer denken. – Irene Herms verlangt wohl nach der Persönlichkeit der Lehmann, und ich verzichte gern auf den leichten Anklang von Dialekt, wenn ich dafür soviel Seele gewinne, als die Lehmann zu geben weiß. – Der Arzt, allerdings die kleinste Rolle, wird trotzdem hoffentlich nicht einem Herrn .  .  .  nein, ich will keinen Namen nennen. Sie werden den Darsteller nicht unter den zehn schlechtesten auswählen. Weiteres sei nach Ihrer mit beträchtlicher Spannung erwarteten Erwiderung beigebracht. Für heute sage ich nur Dank für die lieben Grüße, die mir Bahr überbracht hat.

In Hinsicht auf die »Rose Bernt« kenn ich mich nicht aus, da ich nur die Wiener Telegramme von Hey- bis Goldmann gelesen habe. Und dazwischen liegt Lesser. Im übrigen habe ich eben das Buch aufgeschnitten, und daraus werd ich wohl, mit Vernachlässigung Schiffs – alles Wesentliche erfahren. Seien Sie herzlichst gegrüßt

Ihr A. S.
Schnitzler, Arthur Wien 2. 11. 1903
Brahm, Otto [Berlin]
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 466–468
  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Brahm, Otto Der Briefwechsel Arthur Schnitzler – Otto Brahm. Vollständige Ausgabe Hg., eingeleitet und erläutert von Oskar Seidlin Tübingen Max Niemeyer Verlag 1975 150–151