Arthur Schnitzler an Felix Salten, 10. 1. 1905

lieber, die Sandrock war wegen der Hervay-Vorlesung1 bei mir; da ich heuer sowie voriges Jahr absolut immer abgelehnt und in Wien (von jener Karlweis-Sache im Jahre 972 abgesehen) überhaupt nur ein paar Mal in Arbeitervereinen3 gelesen habe, mir das Vorlesen vor der Wien er Bürgerschaft so widerwärtig wie möglich ist und ich nebstbei alle die Leute, denen ich bisher Refus gegeben, nicht ohne tiefe innere Nöthigung zu verletzen Lust habe, – widerstrebt es mir sehr, in diesem Fall eine Ausnahme zu machen, und ich schreibe Ihnen das, weil die S. natürlich gegen alle diese Gründe taub war, und ich annehme, daß es Ihnen ganz leicht sein wird, ihr meine Mitwirkung auszureden. Bahr hat telegrafisch zugesagt (ich versprach der S. Ihnen das gleich zu schreiben) der Abend selbst ist durch Sie, Bahr, Sandrock zugkräftig u gesichert genug; und ich hoffe überzeugt sein zu dürfen, daß Ihnen meine Vorleserei an diesem Abend nicht fehlen wird. (Den wohlthätigen Zweck kann ich ja, hab ich schon, in bescheidener Weise gefördert, indem ich mich an der Sandrock Sammlung betheilige. –) – Ich belästige Sie mit diesem Brief, weil Sie ja die Sandrock gewiß in dieser Angelegenheit bald sprechen – u weil es wohl gar nichts hilft, wenn ich ihr selbst diese Sachen schreibe.

Seien Sie herzlich gegrüßt,
Ihr
Arth
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 510
1 Hervay-VorlesungAm 2. 2. 1905. Hintergrund bildet ein vielbeachteter Prozess, bei dem Tamara von Hervay als Bigamistin verurteilt wurde. Bahr ließ sich von den Ereignissen zum Roman Drut (1909) inspirieren.
3 ArbeitervereinenVgl. die Aufstellung über seine Lesungen, CUL, Schnitzler, A 176,3.