Arthur Schnitzler an S. Fischer, 17. 12. 1910

Lieber Herr Fischer.

Daß Ihnen Reinhardt nicht einmal geantwortet hat, finde ich nur ganz im Stil dieses Herrn; selbstverständlich dürfen Sie keine weiteren Schritte unternehmen. Nun fehlt ihm auch die letzte Entschuldigung für sein Verhalten. Man konnte sein Zögern begreifen, so lange die Bühnenwirksamkeit des Medardus noch nicht außer Zweifel stand, die dieser geborene Bühnenleiter samt seinen Dramaturgen natürlich nicht vorherzusehen brauchte. Wie aber die Sache jetzt steht, wo sich der Medardus als ein Theatererfolg von außergewöhnlicher Stärke erklärt hat, kann man ruhig behaupten, daß Reinhardt bei jedem andern Stücke eines andern, selbst noch ganz unbekannten Autors, unter gleichen Erfolgsumständen mit beiden Händen zugreifen würde und daß er dieses Zugreifen nur aus Gründen unterläßt, die mit künstlerischen Erwägungen nicht das Geringste zu tun haben. Keinem andern Autor würde er nach einem solchen Erfolg in Wien irgend eine auf ein künftiges Stück bezügliche Bedingung zu stellen wagen und was ich vorher strikte verweigert, darauf soll ich heute eingehen nach dem wahrhaft kläglichen Benehmen, das diese ganze Deutsche-Theater-Bande in dieser Affaire gegen mich an den Tag gelegt hat? Fällt mir nicht ein. Liegt Reinhardt so viel daran auch noch ein zweites Stück von mir zu spielen, so wäre ja eines da: »Der Schleier der Beatrice«, um das er sich vor acht Jahren als Direktor von »Schall und Rauch« in den glühendsten Worten mündlich und schriftlich beworben hat. Damals konnte er es natürlich nicht aufführen und bei Brahm mußte das Stück ebenso selbstverständlich abfallen. Aber indeß hat es ja doch literarisch seinen Rang erworben, wird bald in Hamburg und wird im nächsten Jahr am Burgtheater gespielt werden und ich wage fast zu bezweifeln, ob es sehr viele deutsche Autoren gibt, die einem Direktor gleich mit zweien für ihn so geeigneten Stücken aufwarten könnten. Ich selbst tue natürlich keinen Schritt mehr in dieser Angelegenheit und bitte auch Sie, wenn sich drüben nichts meldet, alles zu unterlassen, was als eine Nachgiebigkeit unsererseits gedeutet werden könnte.

Woher ist Ihnen eine Anfrage über eine eventuelle Provinzeinrichtung des Medardus zugekommen? Es wäre ja doch höchstens an einige Hofbühnen zu denken. Die wirkliche Provinz scheidet von vornherein aus. Ich müßte mich denn entschließen ein ganz neues Stück zu schreiben, in dem womöglich nicht einmal die Valois Vorkommen. Jede andere Reduktion könnte sich naturgemäß nur auf Episodenfiguren 4. und 5. Ranges und auf die Comparserie beziehen. Vielleicht stehe ich auch der Sache noch zu nahe; und ehe ich irgendwo etwas von einer ernsten Absicht merke, möchte ich mich mit solchen Änderungen einer im Wesentlichen doch für mich erledigten Arbeit nicht zu beschäftigen haben.

Daß Bahr zu der von Ihnen gewünschten Monographie keine Zeit und Besseres zu tun haben wird, war vorauszusehen und ich hatte Ihnen darum auch nahegelegt1, sich lieber gar nicht an ihn zu wenden. Der von Ihnen auch schon neulich einmal erwähnte Polgar kommt gar nicht in Betracht, ganz abgesehen davon, daß er Ihren Vorschlag jedenfalls refusieren würde. Er ist gewiß einer der Begabtesten unter den Wien er Kritikern und hat auch gelegentlich schon über mich Kluges und Geistreiches (womit ich nicht gerade das Lobende meine) zu sagen gewußt. Ja, ich gehe sogar so weit es für möglich zu halten, daß er, wie man das so nennt, ein Verhältnis zu mir fände, wenn wir durch hundert Jahre, tausend Meilen oder wenigstens durch unsere Rasse getrennt wären. Dies spielt auf die sonderbare Aesoi-Frage hinüber, die andeutungsweise auch im »Weg ins Freie« berührt wird und uns heute auf ein zu fernes Gebiet locken würde. Für eine Monographie über mich kämen meines Erachtens zwei Arten von Leuten in Betracht: solche, die mir persönlich absolut fern stehen, die mich gar nicht kennen und zweitens solche, die meinem Wesen wie meinem Schaffen innig vertraut und zugetan sind, die man also wohl als Freunde bezeichnen dürfte. Ich halte es wohl für möglich, daß es solche gibt, aber ich glaube, nur wenn sich jemand aus einer dieser beiden Gruppen aus eigenem Antrieb meldet, hätte man Anlaß eine frische und glückliche Arbeit zu erhalten. Und es müßte schon etwas besonders Gutes sein, wenn für mich, für uns, damit irgend etwas getan sein sollte. Mir ist der Gedanke am sympathischesten, meine Bücher und meine Stücke, jedes in seiner Art, weiter wirkend zu wissen und das Echo dem Zufall zu überlassen; oder besser gesagt den Wirkungsgesetzen, die jedes Werk in sich trägt. Gelegentlich lässt sich wohl durch Ankündigungen, Neuausgaben Manches, sogar Erhebliches zur Verbreitung tun; was über einen geschrieben wird, kann an und für sich manchmal Reiz oder sogar Wert haben; Folgen für die innere oder äußere Laufbahn der besprochenen Werke oder Autoren dürften selten nachzuweisen sein.

Es freut mich, daß der ungarische Anatol-Abschluß gelungen ist. Haben sich andere deutsche Städte schon gemeldet? Man sollte denken.

Herzlichst grüßend
Ihr ergebener
A. S.
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 642–645
  • Weiterer Druck: Fischer, Samuel Fischer, Hedwig Briefwechsel mit Autoren Hg. Dierk Rodewald und Corinna Fiedler. Mit einer Einführung von Bernhard Zeller Frankfurt am Main S. Fischer 1989 87–89