Arthur Schnitzler an Otto Brahm, 4. 10. 1911

ja denken Sie, da sind wir nun gelandet. Meine Frau ist seit acht Tagen hier, ich seit Sonntag und bleibe wohl bis zum nächsten, und Olga kommt, wenn es weiter so gut geht wie bisher, zur Generalprobe des »Weiten Landes« hinein. Die ersten Tage befand sie sich gar nicht wohl, seit zwei Tagen aber hat eine rapide Besserung eingesetzt. Das Wetter ist schön, etwas winterlich. Die Anstalt wäre so übel nicht, nur der Portier ist von seltener Talentlosigkeit. O heiliger Rosenstock: Thimig war am Sonntag hier, um ihn zu besichtigen. Im Falle Rosenstock war der liebe Gott entschieden tüchtiger als der Autor des »Weiten Landes«. Hingegen ist diesem der Hofreiter besser gelungen als jenem (was Sie bestätigen würden, wenn Sie das Urbild kennten). Es betrübt mich, daß Sauer wieder so krank ist, nicht nur um des Aigner willen. Von der Triesch schreiben Sie kein Wort. Hmm. Nun, wir werden ja sehen. Wann? Meine vorläufige Absicht: Ende Oktober Wien verlassen, 31. 10. Vorlesung Prag , 1. 11. Vorlesung Dresden . Von dort Berlin . Hoffentlich erhält sich »Das weite Land« so lange auf dem Repertoire. Von Berlin Hamburg (Hagemann: »Das weite Land«, evtl. »Beatrice«, evtl. »Anatol«). – Die Proben hier in Wien versprechen eine gute Aufführung – freilich wird Korff nie das Letzte der Gestalt bringen, und die Marberg sympathisch, begabt, fleißig, ist (sehr unter uns) keine Schauspielerin von Rang.

Das Eulenberg-Stück hat mich sehr bewegt. Daß es sich in einem großen Haus nicht halten würde, war vorauszusehen. Und unser Freund Lessing kann so was wohl nicht inszenieren (hierin ist er vielseitig). Aber wie inszeniert man so was? Ein Stück für Marionetten mit lebendigen Herzen! Ein Ineinanderspiel von Genialität und Manierismus! Manchmal erscheint er mir, Eulenberg nämlich, wie einer, der mit der flimmernden Kerze durch eine selbstgeschaffene Mondnacht spaziert. »Lösch aus, mein Freund, wer solche Sterne schafft.  .  . «, oder »Wer unter Sternen wandelt« usw. So gerät man ins Jambische und Romantische selbst in solch einem Schreibebrief, wenn man ihm nur in die Nähe kommt. – Wann etwa möchten Sie »Das Tänzchen« mit der »Komtesse« wagen?

Seien Sie herzlichst gegrüßt, auch von meiner Frau, die sich auf der Terrasse sonnt.
Ihr A.S
Schnitzler, Arthur Semmering 4. 10. 1911
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 672–673
  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Brahm, Otto Der Briefwechsel Arthur Schnitzler – Otto Brahm. Vollständige Ausgabe Hg., eingeleitet und erläutert von Oskar Seidlin Tübingen Max Niemeyer Verlag 1975 329–330