Arthur Schnitzler an Werner Richter, 30. 12. 1920

Sehr verehrter Herr Professor.

Es gereicht mir zu besonderem Vergnügen Ihre liebenswürdige Anfrage zu beantworten und ich möchte es, um nach keinerlei Richtung eine Unklarheit aufkommen zu lassen, wenn Sie erlauben, mit einiger Ausführlichkeit tun.

Der »Reigen« ist im Jahr 96/97 geschrieben und wenige Jahre darauf als Privatdruck in 200 Exemplaren herausgegeben worden. Als Privatdruck nicht etwa, weil ich das kleine Werk für unsittlich gehalten hätte, sondern aus Gründen anderer Natur, die ich in einem kurzen Vorwort darlegte. Es heißt darin unter anderem: »Ein Erscheinen der nachfolgenden Szenen ist vorläufig ausgeschlossen. Ich habe sie nun im Manuscript in Druck gegeben, denn ich glaube ihr Wert liegt anderswo als darin, daß ihr Inhalt den geltenden Begriffen nach die Veröffentlichung zu verbieten scheint. Da jedoch Dummheit und böser Wille immer in der Nähe sind füge ich den ausdrücklichen Wunsch bei, daß meine Freunde, denen ich dieses Manuscript gelegentlich übergeben werde, es durchaus in diesem Sine behandeln und als ein bescheidenes, ihnen persönlich zugedachtes Geschenk des Verfassers aufnehmen mögen.«

Die Szenen fanden viel Beifall, meine Bedenken wurden allmählich beschwichtigt, ich entschloß mich im Jahre 1903 – nur zum geringsten Teil auch aus Gründen materieller Art – zur Publikation. Bald darauf erfolgte die Beschlagnahme des Buches in einzelnen Städten Deutschlands (ich bin darüber nie ganz zuverlässig informiert worden, das Buch war in dem in jeder Hinsicht fragwürdigen Wiener Verlag erschienen), in Österreich erfolgte keine Konfiskation, hingegen zahlreiche Angriffe in der antisemitischen Presse; trügt mich meine Erinnerung nicht, so kam es sogar zu einer Interpellation, die liberale Presse schwieg das Werk beinahe durchwegs tot, eine Vorlesung, die Bahr abhalten wollte, wurde verboten. Im Allgemeinen aber setzte sich das Werk auch literarisch durch und dürfte mehr Auflagen erlebt haben als mir bezahlt worden sind. Im Laufe der Jahre gelangten immer wieder Anträge an mich bezüglich Vorlesungen, geschlossener Aufführungen später sogar Verfilmung usw. Ich verhielt mich immer ablehnend. Der akademisch-dramatische Verein in München führte einige Szenen trotz meines Abratens auf, und wurde daraufhin aufgelöst. Die »Elf Scharfrichter« in Berlin führten einige Dialoge ohne meinen Willen, ja ohne mein vorheriges Wissen auf, ich inhibierte und man blieb mir die Tantièmen schuldig, In Budapest fand etwa um 1910 eine Aufführung in ungarischer Sprache statt, wenn ich recht berichtet bin wurde schon die zweite untersagt. Auch einige Vorlesungen in geschlossenem Kreise wurden in Deutschland abgehalten, von denen ich keinerlei Vorteil hatte.

Gleich nach dem Umsturz, im Herbst 1918, häuften sich dir Anträge aller Art, darunter finanziell glänzende – ich lehnte nach allen Seiten ab. Bald erfuhr ich, daß die Szenen in Rußland viel und mit Erfolg gespielt würden, ich habe niemals irgendeine offizielle Verständigung (oder gar Bezahlung) erhalten. Noch vor Ende des Jahres 1918 erbat sich Max Reinhardt das Aufführungsrecht für die Kammerspiele. Auch diesem Antrag gegenüber verhielt ich mich zuerst noch ablehnend oder wenigstens aufschiebend. Es wird vielleicht von einigem Interesse sein, in welcher Weise Reinhardt selbst meine Skrupel (in einem Brief vom 19. April 1919) zu widerlegen suchte. Er schreibt u. a.: »Ich halte die Aufführung Ihres Werkes künstlerisch nicht nur für opportun, sondern für unbedingt wünschenswert. Dabei ist allerdings Voraussetzung, daß bei den Gefahren, die in der Gegenständlichkeit des Stoffes liegen, das Werk nicht in unkünstlerische und undelikate Hände kommt, die es der Sensationslust eines allzu bereiten Publikums ausliefern könnten.« – Und weiter: »Hinsichtlich des Aufführungstermins Ihres Werkes scheint mir das richtige Gefühl für eine urteilsfähige Aufnahmsfähigkeit des Publikums und der Presse besonders wichtig, da in beiden die Elemente, die durch langjährige Gewöhnung an Zensur anerzogen sind (sic) mit dieser Aufhebung keineswegs verschwunden, wie mich die Erfahrung dieser Saison gelehrt hat, sondern nach wie vor noch sehr wirksam sind.« Und weiter: »Wie Sie meinen vorhergehenden Worten schon entnommen haben, halte ich die Inszenierung Ihres Werkes für eine außerordentlich reizvolle Regieaufgabe, die nicht nur die volle Beherrschung der künstlerischen und technischen Mittel, sondern vor allem starken Takt erfordert. Ich habe daher den lebhaftesten Wunsch diese Aufgabe selbst zu lösen«, usw.

Nach diesen Worten Reinhardts wollte ich am Ende nicht päpstlicher sein als der Papst und dachte, wenn es der erste Theatermann Deutschlands riskieren will, so darf ich es wohl auch tun. Ich erklärte mich also einverstanden und stellte unter anderen die Bedingung, daß Reinhardt persönlich die Regie übernehmen sollte. Die Szenen sollten vor Weihnachten 1919 herausgebracht werden, der Termin wurde leider versäumt. Die politischen Verhältnisse gestalteten sich bald darauf in einer Weise, die eine Aufführung des »Reigen« als inopportun ansehen ließen, ich machte Reinhardt darauf aufmerksam, er schloß sich meiner Ansicht an, wir schoben im gemeinsamen Einverständnis die Erstaufführung auf den Herbst 1920 hinaus. Indessen hatten einige andere deutsche Bühnen das Aufführungsrecht erbeten, ich gewährte es, immer nur unter dem Vorbehalt, daß Reinhardt die Uraufführung gewahrt bleibe. Unterdessen hatte ich von einer großen deutschen Theaterdirektion – die Einladung erhalten der Erstaufführung des »Reigen« an diesem und diesem Tag beizuwohnen. Natürlich verbot ich sogleich diese Aufführung; immerhin trug diese Erfahrung mit dazu bei mir bei den in Deutschland herrschenden politischen und künstlerischen Zuständen die unangenehme Möglichkeit ins Auge fassen zu lassen, daß plötzlich irgendwo ohne mein Wissen oder meinen Willen der »Reigen« gespielt werden könnte, was schließlich auch durch einen nachträglichen Proest meinerseits nicht mehr ungeschehen zu machen gewesen wäre. Freilich spielte diese Erwägung in meinen weiteren Entschlüssen keine ausschlaggebende Rolle.

Im Oktober vorigen Jahres kam Direktor Holländer nach Wien und teilte mir mit, daß er als Nachfolger Reinhardts in allernächster Zeit sowohl die von Reinhardt gleichfalls akzeptierten »Schwestern« in den Kammerspielen und den »Reigen« am kleinen Schauspielhaus aufführen wolle. Als Regisseur schlug er mir Hubert Reusch vor, der mir als geschmackvoller, kluger und verläßlicher Mann auch aus persönlicher Zusammenarbeit bekannt war. Ich sah nun keinen Anlaß mich länger zu weigern, umso weniger als ich gerade im Laufe der letzten Zeit eine ganze Anzahl von Stücken auf der Bühne gesehen hatte, die in sittlicher Beziehung ebenso problematisch als der »Reigen« waren, eine fast ebenso heikle Regieaufgabe stellten und nicht alle auf dem gleichen literarischen Niveau standen, wie mein verpönter »Reigen«, dem sein Ruf im übrigen mehr von einer schon ziemlich fernliegenden, etwas strengeren Zeit anhing und der heute geschrieben wahrscheinlich die Frivolitätssensation keineswegs bedeutete, die ihn nun einmal als unerwünschte Gloriole umgibt. Also, ich gab Herrn Direktor Holländer (resp. Herrn Sladek und Frau Eysoldt) die Erlaubnis zur Aufführung des »Reigen«. Den ausdrücklichen Wunsch, daß eine »Reigen«-Aufführung stattfände habe ich, wie aus der vorherigen Darstellung klar zu ersehen ist, niemals ausgesprochen, aber selbstverständlich erkläre ich mich, da ich die Erlaubnis gab und sie endlich gerne gab, mit der Direktion für vollkommen mitverantwortlich und glaube, daß wir diese Verantwortung in Ruhe tragen können; – wie ja übrigens der Erfolg manchen gelehrt hat, der vorher nicht dieser Ansicht gewesen wäre.

Natürlich zweifle ich nicht daran, daß ein eventuell sich einstellender Kassenerfolg nur zum geringeren Teil auf die künstlerischen Vorzüge meiner Szenen zurückzuführen sein wird, sondern daß die große Mehrzahl der Leute um der wie es scheint mit Unrecht erhofften Pikanterie ins Theater laufenwird; – aber das ist ja ein Schicksal, das der »Reigen« mit anderen und mit manchen größeren Kunstwerken zu teilen hat; man bedenke nur, wie oft der Vorhang, selbst in klassischen Stücken in jenen Momenten gefallen ist, die im »Reigen« durch Gedankenstriche angedeutet sind. Freilich, im »Reigen« geht die Szene nach den Gedankenstrichen sofort weiter, aber das ist ja schließlich der Spaß oder, wenn das Wort hier erlaubt ist, die Moral von der ganzen Geschichte.

Doch auch, wenn die Regie nicht mit so offenbarem Takt alle Fährlichkeiten zu vermeiden gewußt hätte; – die Befürchtung, daß das Publikum gerade durch eine Aufführung des »Reigen« irgend eine Schädigung an seinem seelischen oder körperlichen Heil erfahren oder daß irgend jemand durch die Darstellung des »Reigen« verdorben werden könnte, habe ich niemals gehegt. Meine so lange bestandenen Bedenken gegenüber einer szenischen Aufführung des »Reigen« beruhten einfach darauf, daß diese Dialoge tatsächlich zur Zeit ihrer Entstehung für die Bühne nicht gedacht und nicht geschrieben waren. Daß ich endlich meine Einwilligung zu diesem Experiment gegeben habe, ist in erster Linie immer noch der Stellung Reinhardts zu dem Problem zu danken, ferner der Erwägung, daß gerade Übergangszeiten, wie die unsrige, für ein solches Experiment nicht ganz ungeeignet erscheinen, zum allergeringsten Teil aber – wenn dieses Motiv auch ein wenig mitgespielt haben mag – wofür gleichermaßen die Zeitumstände bis zu einem gewissen Grade mitverantwortlich zu machen sind – Überlegungen materieller Natur.

Abschließend möchte ich mir gestatten hier noch einige allgemeinere, auf unser Thema bezügliche Worte herzusetzen, die ich seinerzeit als Erwiderung auf eine Rundfrage abgeschickt habe: Meine Bedenken gegen die Pornographie sind ausschließlich ästhetischer Natur und meine Abneigung gegen pornographische Produkte beruht nicht darauf, daß manchen von ihnen die Eigenschaft innewohnt sexuelle Erregungen auszulösen, was sie bekanntlich mit manchen wirklichen Kunstwerken gemeinsam haben, sondern darauf, daß pornographische Produkte immer etwas Verlogenes oder Talentverlassenes, manchmal beides zugleich vorstellen. Auch glaube ich nicht, daß die Grenze zwischen Pornographie und Kunstwerk schwer zu bestimmen sei. Der ehrliche Kenner wird diese Grenze mit der gleichen Sicherheit festzustellen imstande sein wie jede andere zwischen Kunst und Nichtkunst. Mißlich bleibt nur, daß gerade dieser Grenzfrage gegenüber nicht nur solche Leute versagen, denen das künstlerische Urteil von Geburt aus mangelt, sondern auch manche Leute, denen diese Urteilsfähigkeit wohl gegeben wäre, die aber, entweder durch falsche Erziehung oder krankhaft gesteigerte Erregbarkeit oder aus Gründen von Berufs – oder gewerbsmäßiger Heuchelei geneigt sind, jedes Kunstwerk vor allem auf seinen sexuellen Koeffizienten anzusehen.

Entschuldigen Sie, verehrter Herr Professor, daß ich so ausführlich gewesen bin, aber einer so liebenswürdig und vornehm gehaltenen Anfrage gegenüber, die sich überdies auf den unvergessenen und von mir wahrhaft verehrten Erich Schmidt beruft und alles Recht hat, sich auf ihn zu berufen, schien mir das nicht erlaubt, sondern beinahe schon ein wenig Verpflichtung zu sein.

Mit der Versicherung besonderer Hochschätzung und in der angenehmen Erwartung Ihnen einmal persönlich zu begegnen, bin ich, verehrter Herr Professor

Ihr sehr ergebener
Arthur Schnitzler
Schnitzler, Arthur [Wien] 30. 12. 1920
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1913–1931 Hg. Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1984 223–228