Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 9. 12. 1915

Lieber und verehrter Freund.

Ihr Brief vom 4. d. ist heute schon eingetroffen, was in dieser Zeit eine recht geschwinde Reise ist. Ich beeile mich Ihnen den Empfang zu bestätigen und Ihnen herzlichst zu danken. Es betrübt mich, daß Sie von Ihrem alten Leiden wieder heimgesucht sind, das aber doch wie es scheint, immer milder auftritt, und immer weniger die Macht besitzt Sie in Ihrer außerordentlichen Tätigkeit zu behindern. Daß Sie ein Goethe-Buch geschrieben haben, das geht hier längst durch alle Blätter, und man wünschte nur, recht bald eine deutsche Ausgabe zu besitzen. Wird man lange darauf zu warten haben?

Auf Ihre Bemerkungen den »Bernhardi« betreffend, müssen Sie mir erlauben mit ein paar Worten zu erwidern, umso mehr als das Stück Ihrem Herzen doch ziemlich nahe steht. Meiner Ansicht nach ist es keineswegs geschaffen in dem Sinne entmutigend zu wirken, wie Sie es in Ihrem Briefe ausdrücken. Was Sie sagen kann sich überhaupt nur auf die Schlußszene des Stücks beziehen und da weise ich vor allem darauf hin, daß der Autor in keiner Weise für die Aussprüche des Hofrats verantwortlich gemacht zu werden wünscht. Ich bin mit dem Hofrat nicht identisch, ja, mit einem leichten Paradox könnte man behaupten, daß der Hofrat es nicht einmal mit sich selber ist. Sie erinnern sich ja, daß Bernhardi dem Hofrat auf seine, wenn Sie wollen, skeptisch-ironischen Vorhalte erwidert »Sie hätten an meiner Statt geradso gehandelt wie ich«; worauf der Hofrat zur Antwort gibt: »Da wär ich halt grad so ein Viech gewesen wie Sie.« Aber er hätte so gehandelt! Bernhardi hätte in einem zweiten solchen Falle auch wieder so gehandelt. Und beide hätten sich nicht im Geringsten darum gekümmert, daß Andere oder sie selber sie für Viecher gehalten hätten. Und ich glaube, daß die Angelegenheiten der Welt von den Bernhardis, ja sogar von den Hofräten in der Art dieses Hofrat Winkler erheblicher gefördert werden, als von den Pflugfelders, von den Gerechten mehr als von den Rechthaberischen, von den Zweiflern mehr als von den Dogmatikern aller Parteien; und je älter ich werde, umso vernehmlicher pfeife ich auf diejenigen Leute, die a priori mit sich selber einverstanden sind; und wenn mich nicht alles trügt, so blasen auch Sie, mein verehrter Freund, nicht ungern die gleiche Melodie mit mir. – Im übrigen ist ja der »Bernhardi« kein Tendenzstück und will es nicht sein, weder im Besonderen noch im Allgemeinen; – soll überhaupt kategorisiert werden, so möchte ich ihn am liebsten als Charakterkomödie angesehen wissen, und daß gerade dieses Stück auch in Ländern seine Wirkung nicht versagt hat, wo von vornherein für spezifisch österreichische Verhältnisse kein besonderes Interesse regsam sein dürfte, scheint mir dafür zu sprechen, daß die Gestalten an sich das Publikum zu interessieren vermochten.

Daß Ihnen die »Komödie der Worte« einiges Vergnügen bereitet hat, freut mich sehr. Die Einakter werden viel gespielt und haben einen ansehnlichen Bühnenerfolg gehabt. Dagegen werde ich von einem gewissen Teil der Kritik in einer selbst nach meinen nicht unbedeutenden Erfahrungen auf diesem Gebiet fast emphatisch zu nennenden Weise angegriffen. Man hat nämlich bei uns (in Deutschland und Österreich) ein neues kritisches Maß für Kunstwerke entdeckt, den Weltkrieg. Und wie es den Herren gerade paßt, wird man dafür zur Rechenschaft gezogen, daß das betreffende Werk irgendwie an den Krieg erinnert oder daß es das nicht tut. Anläßlich des »Medardus«, der im vorigen Herbst in Berlin aufgeführt wurde, wurde es mir sehr verübelt, daß mein Held sich nicht sofort einem ursprünglichen Entschluß gemäß, aufmacht, um den Napoleon umzubringen, und sich statt dessen fünf Akte lang durch allerhand Privaterlebnisse, die für Kritiker selbstverständlich nicht existieren, von der Ausführung seiner vaterländischen Absicht abhalten läßt. Die »Komödie der Worte« hinwiederum hat das Sittlichkeitsgefühl dieser Herren aufs Tiefste beleidigt. Daß unter Sittlichkeit nach wie vor nicht etwa Wahrheit oder sonst etwas Vernünftiges oder Positives, sondern ausschließlich Unterdrückung des Geschlechtstriebes verstanden wird, brauche ich Ihnen nicht erst zu erzählen. Und daß ich in dieser großen Zeit, wo sämmtliche Männer für das Vaterland fechten, (außer denen, die zuhause sitzen und Theaterreferate schreiben) und sämmtliche Frauen trauern oder klagen, nicht nur an Opfermut, sondern auch an Treue das Ungeheuerste leisten, (abgesehen von denen, die es nicht tun) »so erbärmliche Wichte« auf die Bühne zu stellen wage, das hat besonders gesinnungstüchtige Leute (in der Kölnischen Zeitung, und viele andere Zeitungen haben es gerne nachgedruckt) zu der kühnen Frage veranlaßt: »Ob nicht gerade jene letzten Dokumente eines Wien er Literatentums (Schönherrs ›Weibsteufel‹ und Bahrs ›Querulant‹ waren nämlich miteinbezogen) Beweis dafür seien, daß unser trefflicher Bundesbruder in diesem Weltkrieg auch einer inneren Reformation an Haupt und Gliedern bedarf, um fortan in einer neuen deutschen Weltkultur bestehen zu können.«

Aber auch abgesehen von diesen kleinen und etwas lächerlichen Erfahrungen kann man vielleicht finden, daß die Zeit nun eben groß genug geworden ist, und ein weiteres Wachstum von Übel wäre. Über die militärischen und politischen Verhältnisse sind Sie ja wohl in Dänemark heute besser orientiert, als Sie es zu Anfang des Krieges gewesen sein dürften. Zusammengefaßt kann man freilich nur sagen, daß die gemeinsame Sache der Zentralmächte so gut steht als möglich und daß ein Ende doch noch nicht abzusehen ist. Ihrem Schwiegersohn geht es hoffentlich weiterhin gut. Auch von uns stehen Verwandte und Freunde im Feld oder sind anderweitig durch die Kriegsverhältnisse in Mitleidenschaft gezogen; auch den Tod manches lieben Bekannten haben wir zu beklagen. Im Einzelnen über all dies weiter zu reden müßte ins Grenzenlose führen. Ist es schon in ruhigeren Zeiten etwas verwegen, im Dezember vom nächsten Sommer zu sprechen, so erscheint es jetzt beinahe verrückt. Trotzdem möchte ich diesen Brief nicht gerne schließen, ohne der Hoffnung einer baldigen Wiederbegegnung mit Ihnen Ausdruck zu geben, und jedenfalls wäre es sehr liebenswürdig von Ihnen uns ab und zu durch eine Zeile von Ihrem Befinden, von Ihrem Wohlbefinden zu benachrichtigen. Wollen Sie in meinem Namen auch Peter Nansen die besten Wünsche für seine baldige Genesung bestellen ; seine neue Novelle wird man wohl auch bald in deutscher Sprache zu lesen bekommen. In den vielen Jahren, da er leider schwieg, hat man ihn hier keineswegs vergessen und wird sich seiner neu erwachenden Produktionskraft aufrichtig freuen. Und nun leben Sie wohl, und seien Sie, auch im Namen meiner Frau, aufs Allerherzlichste grüßt.

Ihr treu ergebner
Arthur Schnitzler
Schnitzler, Arthur [Wien] 9. 12. 1915
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1913–1931 Hg. Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1984 99–102