Arthur Schnitzler an Elisabeth Steinrück, 13. 12. 1915

meine liebe Liesl, über Frl Steinsieck kann ich nicht viel aus persönlicher Kenntnisnahme sagen: habe sie nur einmal (als Oberstin im »Ruf des Lebens«) gesehn, da war sie gut. Die Kritik lobt sie meines Wissens, und, wie ich höre, mit Recht. Ob sie Wien verlassen will, weiß ich nicht; daß München sie sehr wohl brauchen könnte, halt ich für zweifellos. Erscheinung bühnenmäßig in jeder Hinsicht, sie gilt sogar als schön. Fach, wenn es sowas noch gibt, Salondame mit Richtung ins Leidenschaftliche. –

Dass ich nie wieder was veröffentlichen werde, hab ich wohl nicht im Ernst geschworen; immerhin war das, was ich diesmal an Albernheit, Verlogenheit und Lausbüberei erlebt habe, selbst für meine Erwartungen übertrieben. Jeder Schmock war im Namen der großen Zeit entrüstet, daß Herbot 1 seine brave Frau betrogen, daß der Doctor Eckold 2 zehn Jahre »seine Rache kaltgestellt« und daß die Schriftstellersgattin Agnes 3 mit einem hübschen Sportsjüngling (der überdies meist ein »Troddel« genannt wurde) in der Sommerfrische gebandelt hat. Aber es geht noch weiter: mit Schönherr (Weibsteufel), Bahr (Querulant), zusammen werd ich (in der Köln Ztg, Correspondenz aus Darmstadt ) als Beweis ins Feld geführt, daß ×××××××××× 4 (Strich von mir, nicht von der Censur; – ich citire wörtlich:) »unser trefflicher Bundesbruder in diesem Weltkrieg auch einer innern Reformation an Haupt und Gliedern bedarf, um fortan im Geist einer deutschen Weltkultur ernsthaft bestehen zu können.« – Da kann man nur kopfschüttelnd sagen: Immer feste druff!4« Ich habe oft an deine Profezeihung denken müssen: daß ich nun einer Periode des Beschimpftwerdens entgegengehe. Natürlich ist es letzten Endes gleichgiltig: was ich schreibe – manches wenigstens – bleibt trotz allem! Misslicher ist schon die fast systematische Verfälschung meiner literarischen Physiognomie, die sich natürlich auch in die »approbirten« »Literaturgeschichten« einschleicht; – man möchte manchmal gern weniger berühmt und besser verstanden sein. – Im übrigen arbeite ich weiter. – Gestern wieder mal eine Vorlesung im Volksheim vor überfülltem Saal und mit übertriebenem Erfolg; – die siebente Vorlesung seit Kriegsbeginn zu wohlthätigem Zweck. Im Jänner soll ich in Zürich (auch für einen solchen Zweck – oesterr. Hilfsverein) lesen; – aber an der Grenze soll es nicht sehr erquicklich zugehen, und so überleg ich’s mir. Hoffentlich bleibt’s aber bei der Reise nach Partenkirchen – und wir wünschen dich dann schon ganz erholt und wohlgelaunt anzutreffen.

Paul Apel hat mir sein neues Stück geschickt, »Hansjörgs Erwachen« – meine Bedenken dagegen in voller Aufrichtigkeit auszusprechen war mir umso schwerer, als er auch materielle Hoffnungen an einen Erfolg zu knüpfen scheint; – aber wäre es freundschaftlicher gewesen ihm was vorzulügen? – Was hört man von H. Mann? Daß der Eins. Weg kein Glück gehabt hat, thut mir um Ziegel’s willen leid; – weißt du, wo das Stück bisher rein bühnenhaft am stärksten gewirkt hat? In Prag , (in einer verhältnismäßig doch recht mittelmäßigen Aufführung) – wo man sich aber entschlossen hatte (da es an der nötigen »Geistigkeit« fehlte), – es als »spannendes Theaterstück« zu spielen. Ein guter Regisseur müßte die beiden Elemente zu vereinigen, gegeneinander abzustimmen verstehn. –

Der Brief an die Ritscher erklärt sich selbst. Es handelt sich natürlich um eine Wahnsinnige. Eine wahnsinnige Familie sogar. Ich bekam vor Wochen schon ein Telegramm ähnlicher Art (ich solle dafür sorgen, daß die K.d.W. in München nicht aufgeführt werde – drohende Katastrophe etc), – und Thimig bekam von dem Vater (Jeuthner) einen 8 Seiten langen total wahnwitzigen Brief, ungefähr des Inhalts wie der an die Ritscher – auch sehr charakteristischer Weise mit mehr oder minder versteckten antisemitischen Tendenzen – eine Atmosphäre die ja für das Aufblühn von Irrsinnsfällen a priori sehr günstig zu sein scheint. Natürlich besteht keinerlei Anlaß, auf all das zu reagieren. –

Schön war die deutsche Reichstagung. Bethmann sowohl als Scheidemann. Aber was sagt man zu den Commentaren und Erwiderungen der feindlichen Blätter? So ist noch immer kein Ende abzusehen. Auch gewöhnt sich die Welt allmälig gar zu sehr an den ungeheuerlichen und Ungeheuern Fiebertraum dieser letzten anderthalb Jahren. Und die Entscheidg, d. h. das letzte Wort über Krieg und Frieden haben die Kiebitze – nicht die Spieler. Die Kiebitze, die ohne erhebliches Risiko nebstbei die Chance haben, zu gewinnen. Dass einer meiner Neffen in Bulgarien (Feldspital), der andre vorläufig noch bei der Batterie in Wr. Neustadt ist, hat dir wohl Olga schon geschrieben. Die liegt heut, mit einem sehr leichten Schnupfen zu Bett, ich geh in ein Concert (MildenburgCarreno) – was ich, allein oder mit Olga 1–2 mal die Woche thue. Theater viel seltener. Neulich in der Volksbühne FlaubertSternheim, der Kandidat. Nur Linie (diesmal keine sehr originelle) – keine Plastik – und von Luft überhaupt keine Spur. Die »Hose« find ich ja ein Meisterstück. Aber der Weg St.’s führt nicht, wie die Blei’s verkünden, zur großen Komödie sondern zum Marionettentheater. Habe nichts dagegen. Bin überhaupt nur gegen Falschmeldungen.

Und nun leb wohl, liebstes Kind, und laß bald hören, daß du dich in Partenkirchen behaglich eingewohnt und guter Dinge bist. Und grüß mir den Primaktör, wie’s im Norden heisst, der einen gelegentlich durch ein Kärtchen erfreuen könnte.

Tausend Grüße.
Dein Arthur
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1913–1931 Hg. Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1984 104–107
1 Herbot Figur aus Große Szene.
2 Eckold Figur aus Stunde des Erkennens.
3 Agnes Figur aus Das Bacchusfest.
4 2 ½ von Schnitzler gestrichene Zeilen.
5 Immer feste druff!Populäre Redewendung aus dem Krieg, für die der Kronprinz Wilhelm von Preußen als Urheber galt. Sie variiert das General Blücher zugeschriebene »Immer druff!«.