Arthur an Olga Schnitzler, 29. 11. 1921

liebe, gestern war Frau Stößler bei uns, – hat den Kindern deine Nikolo Bonbons gebracht (Heini war nicht zu Haus, hatte eine Schauspielerversammlung, die Existenz der Wanderbühne schien etwas bedroht zu sein), – sie wird dir indess selbst berichtet haben, wie sie Lili gefunden hat (die gerade ihre französische Stunde hatte.) Sie hat mir einen höchst sympathischen Eindruck gemacht; im äußern erinnerte sie mich ein bischen an Alma. Von dieser hör ich übrigen durch die Hofrätin, die eben aus Paris zurückgekommen ist, daß sie eine Kieferoperation überstanden hat und daß Werfel von Prag aus zu ihr nach Weimar (oder Berlin ) gereist ist; jetzt soll es ihr wieder gut gehn, du wirst wohl directe Nachrichten haben. –

Seit ein paar Tagen sind Heinrich Manns hier, wohnen bei Menczels, sie waren Sonntag bei mir, gestern war ich nach dem Nachtm bei Saltens mit ihnen zusammen, wo Mimi odaliskenhaft auf dem Divan lag. Sie hat bereits ein wenig mit Heller und mit Wildgans krakehlt und wirkt auf den freundlichen Beurtheiler etwa als eine rituelle Christiane. (Während ich diesen Satz niederschrieb, hat sie mir telefonirt wegen Generalprobe und Première und dem darauffolgenden Nachtmahl bei Menczels.) Der Theaterstrike ist beendet (vorläufig); die Premiere der Leb. Std. für Mittwoch den 7. festgesetzt. Besetzg: Heinrich, Remigio Rademacher Gilbert spielt Onno; – Forest den Weihgast und Hausdorfer; – ein sehr anfängerhafter aber begabter Herr Jordan den Leonardo; Novotny den Jackwerth, Lackner den Clemens; – die Wagner Paola; – die Steinsieck Margarethe. Schulbauer Regie. –

– Zufälligerweise hab auch ich kürzlich den Roman comique von France wiedergelesen (im Original), und gleichfalls mit einer ganz gelinden Enttäuschung – vielleicht nur in dem Sinn, daß er mir in der Erinnerung fülliger, reicher, romanhafter verblieben war und mir nun als eine episodisch vorzüglich ausgestattete Novelle (hohen Rangs) erschien. In den letzten Tagen las ich, innerlich bewegt, das Buch von Bode über Goethes Sohn . – Mit Hauptmann gehst du glaub ich zu streng ins Gericht. Allerlei bochiges zugegeben, – wie viel deutsches im schönsten Sinn! Ich las eben den Peter Brauer – kein Drama, gewiß nicht; eine Anekdote; – aber quellend von Saft; – und jede Gestalt wahrhaft lebendig, – keine, auch die geringste nicht »Figur« geblieben. Das was die Gestalten dann treiben,bleibt einem ja zuweilen gleichgiltig, – aber wie sie dastehen, ist Freude genug. – Von meinen »Arbeiten« möchte ich erst reden, wenn sich ein würdiger objectiver Anlaß und ein tiefes subjectives Bedürfnis einstellt. So weit bin ich heute noch nicht.

Daß ich Bahr heuer in Salzburg nicht sehen konnte hat mir leid gethan; ich kann mir wohl denken, wie viel dir der Umgang mit ihm gibt; er ist ein fascinirender Mensch soweit er »Gegenwart« im weitesten Sinn bedeutet; hätt er zu all seinen Gaben noch die »Sachlichkeit«, so wär er einer der größten Schriftsteller (nicht Dichter), die Deutschland je besessen hat; – nur wär er eben mit »Sachlichkeit« überhaupt ein ganz andrer – und wahrscheinlich doch kein so merkwürdiges Individuum, als er’s nun durch das ist, was wir vielleicht fälschlich als seine Fehler empfinden. (Der Meister, den ich jetzt mit Klöpfer gesehn, hat diesmal stärker auf mich gewirkt als seiner Zeit mit Rittner.) – Von der Mildenburg, wie überhaupt von München wirst du mir wohl schreiben. –

Die Hajek Feier im Spital war sehr gelungen; am Samstag gabs noch ein Bankett im Hotel de France, wo noch viel mehr und auch vielfach humoristisch geredet und getoastet wurde; in Hajeks Antwort war mir ein bischen zu viel Stolz auf die zerissenen Sohlen von einst. Aber im ganzen hat er sich vortrefflich gehalten und seinen Ruhm – wenn auch nicht gerade wie eine Schuhschnalle – doch mit aller Würde getragen. –

Ein kleines Nikolo hab ich dir an die D. B. geschickt.

– Heute Abend bin ich mit Raphael Schermann zusammen, bei seinem Biographen Max Hayek (den ich s. Z. bei der Pattak kennen gelernt habe. –)

Garda Kaufm. hat mir gestern telefonisch allerlei komisches vom Reigenprozeß erzählt; sie war in Berlin und hat einen Vcrhandlungstag mitgemacht. Das Weite Land war (mit Korff) ein großer Erfolg; Rotters haben mir gleich um drei weitre Stücke telegrafirt (Liebelei, Zwischenspiel, Eins. Weg.) –

Daß dir Frau Lichtenst. nicht gleich oder noch nicht geantwortet, darfst du in keiner Weise wichtig nehmen; – als Correspondentin ist sie nicht sehr verläßlich; – ich habe heuer den ganzen Sommer hindurch (sowohl vor als nach Aussee ) nicht eine Zeile von ihr bekommen. –

leb wohl und sei herzlichst gegrüßt.
Arthur
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1913–1931 Hg. Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1984 257–260