Arthur an Olga Schnitzler, 27. 11. 1923

liebe, ich habe bei Meindl u Weißhappel alles was du mir angegeben, in ziemlichen Mengen gekauft; es wird freilich ein paar Wochen dauern, bis die Sachen ankommen; und hoffentlich nichts verloren gehn. (Übrigens ist alles versichert.) –

Über das häusliche vor allem: es geht in bester Ordnung, obwohl Wucki noch keineswegs ganz wohl ist und eine neuerliche Untersuchung (bei 1–2 tägigem Spitalsaufenthalt), auch nach Julius Ansicht, sehr angezeigt sein wird. Irgendwas gefährliches ist es allem Anschein nicht. Von den Kindern hörst du ja direct – wegen Lilis Theaterbesuchen mach dir keine Sorgen; – es klingt nach mehr als es ist, weil sie naturgemäß vom Theater mehr schreibt als von der Schule. Sie geht natürlich nie allein in die Stadt, auch aus der Schule laß ich Nachmittag (Turnstunde) abholen. – In die Tanzstunde fuhr sie 1 od 2 mal mit Janow. im Auto hin u zurück. – Jetzt eben ist sie beim Zahnarzt mit Wucki; – Heini spielt heut eine neue kleine Rolle in »Heimgefunden«, – hat nur ganz im Anfang zu thun, wir treffen uns dann im »blauen Vogel« der heute sein ständiges Theater (im Pan) eröffnet. –

Einige nicht uninteressante Leute hab ich in der letzten Zeit kennen gelernt; einen Holländer Charles v Irsel , von baskischer Abstammung (es gibt einen ganzen Landstrich in Holland, der von diesen Leuten bewohnt ist; – ich lernte in Leiden solch eine Baskin kennen, die aussah wie eine Provinzcarmen und das daemonische Element in der kleinen Universitätstadt zu repraesentiren schien.) – ferner Louis Untermeyer (mit Frau) aus New York ; – Übersetzer von Heine und Lyriker eigener Factur, besonders klug u sympathisch (sind für den Winter in Wien ). Von Pierre Loving hab ich dir schon erzählt? –

Rodolfo Ergas (wie er sich nun nennt) war vorgestern bei mir, – scheint sich nun als internationaler Bilderhändler ganz wohl zu behagen. Für übermorgen hat sich ein andrer Rodolfo, Lothar angesagt. – Auernheimer hat mir neulich ein Versstück – einen Casanova gebracht, in Mscrpt, den er mir widmen will. –

Sonntag war ich bei Zsolnai’s; – ein sehr prächtiges aber zugleich höchst wohnliches Haus, mit vielen schönen Bildern u Gegenständen, unter denen mir eine Sammlung von altgriechischem u aegypt. Schmuck am interessantesten war. Der eine Sohn, mit verlegerischen Absichten uneigennütziger Natur, kommt dieser Tage zu mir; in einem Gespräch, das ich mit ihm u Werfel hatte, machte er mir einen klugen u ehrlichen Eindruck. Bei Zsolnais waren außerdem Alma, Werfel, Salten’s; Coudenhove und die Roland. Sie noch lauter; und geschmackloser gekleidet als früher; er männlicher geworden, und in der Conversation von wohltuender Klarheit u Bestimmtheit. Einer, dem das Berühmtwerden ganz gut anschlägt. – Für Freitag bin ich zum Neuen Freien Benedikt zu Tisch geladen, – (die Weihnachtsnummer rückt heran). – Mit dem neuen Verleger Pisko (Herzverlag) u dessen Lector Dr. Politzer hatt ich ein sehr »vorläufiges« aber ganz anregendes Gespräch. – Soeben wurde ich von der »Bukum« zu einem Vortrag in Budapest aufgefordert; – aber eh die erwachenden Ungarn nicht wieder eingeschlafen sind, will ich mit ihnen nichts zu thun haben. – Auch die Tschechoslowakei hab ich abgelehnt. – Heute war ich bei der Hofrätin; ich habe einen Antrag von »Stock« wegen dreier Bände meiner Werke; – sehr praecis und vertrauenerweckend; darüber berieth ich mit der Hofrätin, die auch mich um einige Ratschläge in Verlagsangelegenheiten zu ersuchen hatte. – Mit meinem Advokaten hatt ich einige Conferenzen; – hauptsächlich handelt es sich um die Filmangelegenheit; ich nenne den Namen der Firma hier nicht, citire nur die Worte des Dr. Hofmann der Informationen eingeholt hatte, – und das was an mir versucht wird, – (mit Recht) als »haarsträubend« bezeichnet. Es wird genauso kommen wie ich erwartet. Hingegen (oder deswegen) erhielt ich von der Firma eine Pracht Leder Mappe mit Seidenfutter und verehrungsvoller Inschrift sowie meisterhaften Med.-Photographien. – Mr. Seltzer hat mir etwa ein Drittel seiner Schuld gezahlt und will unentwegt meine »sämmtlichen Werke« über die ich jetzt mit Knopf u Heinemann (Amerika u England) correspondire. – S. F. ist obstinat, zahlt lächerliche Summen, von den fremden Valuten noch keine Spur. Von Jacob hör ich nichts seit 10–12 Tagen; du weißt daß er nach Wien übersiedeln will (Ebenso Heinrich Manns, auch Bahr – doch kriegen sie alle keine Wohnung). – Die Burgtheater Verhältnisse ganz unklar – man spricht sehr ernstlich von einer Fusion Burg- u Volkstheater; – aber – unter Beer! – – Herterich »plant« den einsamen Weg mit Aslan, für den dieser zu fett ist und wovon ich es nicht werden dürfte. – Von der Beatr. ist (Gott sei Dank) keine Rede. –

Lucy hat mir einen schönen Brief geschrieben, für den ich ihr vorläufig nur durch dich und mit sehr herzlichen Grüßen danke. Sie wird sich bei dir hoffentlich gut erholen, – amerikanische Pläne hat sie wohl nicht mehr? – Der Überfall auf dein Mädchen war jedenfalls nur eine Episode – dergleichen kommt jetzt natürlich überall vor, – und es scheint ja auch, daß du weiter nicht ängstlich bist und auch keinen Grund hast, es in Euerm immer noch stillen Baden Baden zu sein u zu werden. Über Euer geselliges u Musik-Leben schreib mir doch einmal mehr. – Vor wenigen Tagen hab ich die Ama besucht, die ich besser fand, als ich nach dem was ich vorher gehört, befürchtet hatte; im Lauf der nächsten Zeit fährt sie nach Meran . (Weißt du daß der eine junge Wengler vor einigen Monaten an den Folgen jenes Luftsturzes im Krieg gestorben ist?) –

Hier steht ein Metallindustrie-Strike in Aussicht, den man für sehr bedenklich hält, weil die Möglichkeit eines Generalstrikes nicht auszuschließen ist .  .  Bei aller »Sanirung« – man thäte Unrecht, sich in Oesterreich schon völlig außer Gefahr zu glauben. Aber im ganzen ist die Stimmung gegenüber dem vorigen Jahr doch sehr gefestigt. –

Mit der Arbeit geht es – langsam – weiter. Aber wie das ist: einen Schlußpunkt setzen, das kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen. – Mit dem »Herausgeben« will ich umsoweniger etwas überstürzen, als es zu schwer ist, unter den zahlreichen Möglichkeiten in diesem Augenblick die richtige zu wählen. Mein Befinden ist gut, – vom Ohr und einem ewigen leichten Kopfdruck abgesehn, den ich auf die Heizsaison zurück führe. Ich glaube wir leiden zu dieser Zeit alle an einer chronischen Kohlenoxydvergiftung. Das Wetter ist braun, grau, quatschig. Überhaupt kann ich mir vieles schöner denken.

leb wohl und sei herzlich gegrüßt
A.
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1913–1931 Hg. Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1984 330–333