Arthur Schnitzler an Gustav Schwarzkopf, 9. 5. 1897

Lieber Gustav. Ich rufe 9. Sie rufen 9 u. 18 (Zeilen.) Ich halte sie und rufe noch drüber – als Poker-Kiebitz verstehn Sie ja das. Den Empfang Ihres freundlichen Neides bestätige ich mit herzlichem Dank; ich wollte von andern so liebenswürdig geschätzt als von Ihnen beneidet sein. Im übrigen liegt mancher Anlaß vor, mich zu beneiden; – wenigstens für die abgelaufenen vier Wochen; da ich nichts verschreien will. Sie sind ein flüchtiger Leser der Zeit und haben wohl die Entrefilets gelesen, die in den letzten Nummern über Paris darin zu lesen waren; sie stammen aus der Feder des Herrn Graf und ich weiß nicht, ob Sie von Wien aus die ganze Läpperei dieser Notizen beurtheilen können. Allerdings ist es auch der Mühe werth hieherzukommen um Paris nur miszuverstehen; und auch hier gibt es eine hoffnungsvolle Jugend, welche bemüht scheint, das Wesen ihrer Heimat zu fälschen und das Leben zu misdeuten. Man hat sie mir neulich bei Gelegenheit einer Theateraufführg im »Œuvre« gezeigt. Ich habe Herrn. Mauclair gesehn; zugleich Herrn La Jeunesse, der den erstgenannten bei der vorletzten œuvre-Vorstellg geohrfeigt hat und, wie man sich erzählt, daraufhinarbeitet, Kaiser von Frankreich zu werden. Er beginnt damit, Feuilletons zu schreiben und mystische Medaillen zu vertheilen. Ich habe zahlreiche andre Jünglinge mit praeraphaelitischen Fräuleins gesehn, die in den Couloirs herumgespensterten. Leider hab ich auch ein Stück gesehen, war aber nur den zwei ersten Akten gewachsen. Im ersten jammert ein Schwindsüchtiger, daß er schwindsüchtig und complicirt ist (Oh ma mère que je suis compliqué) und eine Blinde, daß sie blind ist; im zweiten kommen die Blinde und der Schwindsüchtige mit verbundnen Handgelenken herein: es ist eine Transfusion gemacht worden und der Schwindsüchtige wird gesund. Und die Blinde, welche noch im ersten Akt die Geliebte des Bruders des Schwindsüchtigen war, wird die Frau des Schwindsüchtigen. Man glaubt eben nicht, was die Transfusion für ein Wundermittel ist! Dann kommen noch zwei Akte, die ich nicht mehr gesehn habe und das ganze heißt: »Ton sang«. –

– Sehr interessant waren mir die drei Haupterfolge der Saison, Douloureuse, Carrière, Snob – hauptsächlich wegen der Familienähnlichkeit der drei Stücke. In allen dreien könnten vor allem die Titel gewechselt werden, ohne daß es ein Mensch merkt; ja ich hatte sogar den Eindruck, sie würden dann besser zu den Stücken passen. Alle drei sind keine Stücke; in allen dreien ereignet sich das wichtige zwischen dem vorletzten u. letzten Akt – u. wir müssen einfach dran glauben; in allen dreien ist der letzte Akt eigentlich nichts als ein sentimentaler Dialog der zwei Hauptpersonen, welche eingesehen haben daß u. s. w. – Aber gespielt wird – zum Entzücken.

– Ihre Ansicht über Reicher scheint mir die richtige zu sein; ich habe seine Größe nie begriffen, obwohl er, wie Sie wohl in der Zeit gelesen haben, » für mich eingestanden ist, als die guten Wien er noch über mich lächelten. 1«

Ich bleibe noch etwa 14 Tage hier, dann geh ich nach London , und bin wohl in den letzten Maitagen in Wien . Sollte ich nicht auch Sie als Radfahrer wiederfinden? –

Leben Sie wohl und seien Sie herzlich gegrüßt!
Ihr Arth Schn
  • Schnitzler, Arthur Briefe 1875–1912 Hg. Therese Nickl und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1981 320–322
1 für mich eingestanden ist, als die guten Wien er noch über mich lächelten. Die Stelle in Bahrs Emanuel Reicher ( Die Zeit, Bd. 11, H. 135, 1. 5. 1897, S. 75–76, hier: S. 75) lautet: »Er ist für unseren Schnitzler eingestanden, als die guten Wien er noch vornehm über ihn lächelten;«.