Adele Sandrock an Arthur Schnitzler, [4. 12. 1893]

Als ich früh die Augen aufschlug Arthur – – – – – – – – da hatte ich ein herrliches Märchen geträumt. Es war mir bei’m Erwachen, als befände ich mich noch immer im Zauberkreise Deiner Liebe, als läge ich noch immer in Deinen Armen, im Schimmer des matten Lichts das mein Zimmer erfüllt, und ich mußte mir Gewalt anthun, um mich zum Wochentagsbewußtsein zu bringen. Ich hatte geträumt. –

Aber nein – vor meinem Bette bist Du ja gesessen – und nun schaute ich immer noch dahin – wo der Frühlingsglanz Deiner Augen haften blieb – es zitterte in mir – und ich vernahm Dein leises flüsterndes lang gedehntes Schweigen. – In diesem Taumel lag ich bis Abends.

Um 6 Uhr eilte ich Hinaus zum Telephon – eine Loge in die Operette an der Wieden – ich muß andere Gedanken haben. – Da kommt Bahr zu mir – ich konnte sprechen von Ihnen Arthur – und ich that es. Dann fuhr ich um 7 Uhr ins Theater – dort saß ich allein vergraben wie ein alter Zwerg in Gedanken – und während die Leute spielten sangen – träumte ich eine Mischung zusammen, bei der sich nicht mehr unterscheiden läßt was Dein ist, was mein.

Ich fühlte wie Dein Mund meinen Athem in sich einsaugt – ich fühlte nicht Liebe, Glück – und wie alle diese todtgehetzten, bis zur Caricatur mißbrauchten Worte heißen, es war weit mehr jedenfalls etwas Anderes – es ist eine Neugeburt – eine unbekannte Welt, die mir ihre Herrlichkeit erschließt, eine
Körper- und Seelenvermälung voll unendlichen Verlangens – und seligster Selbstauflösung – ein seliges Hinüberträumen in eine andere Welt, ein halbbewußtes Sterben überfiel mich – und da war es auch schon aus. Nun sitze ich hier – wo ich seit Freitag Abend immer sitze und lese wieder und wieder Ihren lieben einzigen Brief. Was ich Ihnen da schreibe ist gewiß ein Wahnsinn – ich träume mit sehenden Augen – beinah zu viel der Sonnengunst für mich, sie blendet die Augen, sie spaltet mir das Hirn, und wie im Fieber möchte ich mich Dir zuschwören, Dir ganz gehören, leib und seeleneigen. Was bist Du mir in diesen wenigen Tagen geworden.

Es ist kein süßer lockender Irrthum wie Sie meinen – nein – ich bin gewohnt von jeher mir immer die Wahrheit zu gesteh’n – – so ist es nun einmal mit mir bestellt, und das ich Ihnen daß Alles so offen sage ist der Beweis, das es wahr ist. – Ihr Brief ist einzig. – Sie Zweifler – – also Sie glauben nichts – eigentlich haben Sie recht. – Es endet doch Alles in der Welt mit einer furchtbaren Gemüthsrohheit – – bei mir ist das eben anders – ich bin nicht gewohnt, mich allzulange mit Vergangenem zu beschäftigen – mein Element ist die Gegenwart in die ich ganz untertauche. – Das Morgen – hat in meinem Herzen und Bewußtsein nur als Hoffnung Raum, daß es dem Gestern gleichen werde. Arthur – wo gerathe ich hin? –

Sie werden mich wirklich für toll halten –. Wo sind Sie jetzt – wie seh’n Sie aus? Wann sehe ich die zwei lieben Luxaugen wieder? Ist das Stück schon umgearbeitet? Sie seh’n ich kann auch noch nüchtern sein – –

Am Mittwoch Abend möchte ich Sie gerne bei mir seh’n – haben Sie Lust und Zeit –? Ich lade Ihnen noch Jemand ein – damit Sie ja den Ausgang nicht verfehlen können, wenn Sie die Lichtung von weitem seh’n sollten. Schreiben Sie mir für den morgigen Tag doch wieder ein paar liebe Worte, dann werde ich den Kopf nicht sinken lassen. Also werden Sie kommen? 8 Uhr – ja –

Ich sehne mich danach mit Ihnen zu plaudern!

Auf lange lange Zeit
Ihre
Dilly S.
Sandrock, Adele [Wien] [4. 12. 1893]
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4403

    hs. Brief, 2 Bl., 5 S., von Schnitzler datiert: » 4/12 93 «

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Sandrock, Adele Dilly. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und Dokumenten Zusammengestellt von Renate Wagner Wien, München Amalthea 1975 39–41