Arthur Schnitzler an Adele Sandrock, 29. 1. 1894

du mein einziger Schatz, – dass mich das Telephon ins Grab bringen wird, halte ich für zweifellos. – Also weil ich um 11 oder ¼ 12 noch nicht im Cent war, hab ich dich betrogen. Ich kam mit der ganzen Bande, abgerechnet Bahr (der wohl noch einmal einen Besuch bei dir machte??) um ¾ 12 dort an; nachdem wir bei Streitberger soupirt hatten. Im C. sass ich lange allein, weil die übrigen Tarok spielten.– Ich dachte den ganzen Abend an dich, schlief mit dem Gedanken an dich ein, wachte mit dem Gedanken an dich auf; bin immer immer mit meiner Seele bei dir, – und erfahre heute früh, dass ich Dich sicher betrogen, – wahrscheinlich verlacht habe!!!–

Schau Kind, das mußt du dir abgewöhnen. Mistrauen lasse ich ja gelten; aber es muss wenigstens vernünftig sein. Daraus, dass mich irgendwann dein telephonischer Ruf nicht erreicht, darfst du nicht folgern, dass ich dich betrüge und verhöhne. Ich weiss nicht, ob du irgendwelche anderen Gründe für Deinen impertinenten Verdacht ausfindig machen kannst – eines steht jedenfalls fest: versprochen hab ich dir das treulos werden nicht so oft wie du mir, die das in jedem zweiten Brief für dringend nothwendg hält.– Es ist doch sonderbar – die Frauen (Ihr Frauen!! Gefahr!) sagen so oft: Ich werde dich morgen betrügen, und so selten: Ich habe dich gestern betrogen – obwohl sie ja davon viel tiefer überzeugt sein könnten – zuweilen wenigstens.– Wozu aber deine ewigen Versprechungen! Ich weiss ja – Du wirst schließlich stets thun, was in deinem Belieben steht, und dass du mir Treulosigkeit versprichst, ist ebensowenig ein H B eweis dafür, dass du treulos sein wirst – als dein Treueschwur ein sichrer Beweis für deine Treue wäre. Ich frage nur: warum, warum warum?– Es ist so schön, sich ab und zu zu vertrauen, wenigstens halbe Stunden lang!– Du vergibst dir wahrhaftig nichts damit, wenn du mir glaubst, Schatz; denn dass ich dich wahnsinnig lieb habe, mußt du ja doch spüren.– Schatz, findest du noch, dass ich dich »köstlich« behandelt habe? – – Hättest du mir doch gestern gesagt, ich solle um zehn oder eilf wieder zu dir kommen! – Was hast du übrigens bis 11 ½ gemacht? - Dass du L. lieb findest, ist mir gewiss nicht unangenehm – ich glaube nicht, dass einem das je geholfen hat!– Wir sprachen übrigens gestern den ganzen Abend nur über Sandrock und Goethe, er und ich – weil wir uns eben immer auf den höchsten Gipfeln der Lebens u Kunstanschauung bewegen .  .  »Natürli, das thu i immer.«–

– Aber – ich kann dir nur glauben und muss ja doch endlich fort, zu den Kranken, die auf Bälle gehn – in die Druckerei, u. s. w. u. s. w. –

Was ists also mit uns? Hast du mich noch lieb?– Ich komm also heute zwischen 7 u ½ 8 zu dir. Solltest du aber irgend eine andre Stunde für geeigneter halten, so gibs mir lass es mich noch auf irgend eine Weise wissen. Ich liebe dich mit jed er em Tag mehr und möcht’s dir gerne wieder sagen. Und viele viele viele innige Küsse, meine einzige – süßer Diltsch.Yours Arth

Schnitzler, Arthur Wien 29. 1. 1894
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.1758

    eh. Brief, 2 Bl., 8 S., Bleistift

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Sandrock, Adele Dilly. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und Dokumenten Zusammengestellt von Renate Wagner Wien, München Amalthea 1975 104–106