Arthur Schnitzler an Adele Sandrock, [4.] 6. 1894

Meine geliebte Dilly.– Seit gestern also in München . Meine 2 Telegr und den Brief aus Salzburg hast du schon, und was meine Seele anlangt, Schatz, so hab ich nichts neues von ihr zu sagen. Meine Seele – und nicht die allein – liebt dich; meine Seele – und di ni cht die allein – sehnt sich nach dir. Was nun die äußern Thatsachen anbelangt: Bahr ist noch nicht da; dagegen hab ich Beer-Hofmann schon angetroffen. Wir waren gestern Abend in Lohengrin ; es war dringend nothwendig, da Herr Dippel aus Wien gastirte. Ich war von den 17 Stunden Eisenbahn – wegen des Bicycles hab ich das gethan,– ein wenig müde.– Soupirt, in dem angeblich besten Restaurant – schauerlich, schauerlich, schauerlich!– Sehr gut geschlafen,– so tief, dass ich nicht einmal von dir geträumt hab, mein Schatz.– 7 Uhr aufgestanden; im Café Wittelsbach gefrühstückt. Dann »alte Pinakothek«. Zwei Stunden in alten Bildern geschwelgt.– Wieder im Restaurant Grodemagne dinirt – Unsagbar! Unfassbar! Entsetzlich!!!– Das muss man erleben.–

– Sind jetzt im Cafe Opera . Andre Leute speisen hier; darunter siebentausend Studenten mit Mützen und Schmissen. Auch siebentausend spielen Billard

– Jetzt, mein geliebtes Kind, wollen wir einen Münchner Literaten besuchen, den Dr. Conrad. – Es ist wohl sicher, dss morgen früh zwei oder drei liebe Worte von dir kommen? Und wenn du gelaunt bist, so antworte auch noch auf diesen Brief.– Schreib mir – wenn du gelaunt bist – wie du den Tag, den Abend u. s. w. verbringst. Und jedenfalls, mein geliebter Schatz, sei gelaunt, mich lieb zu behalten

Tausend Küsse
Dein Arthur
Schnitzler, Arthur München [4.] 6. 1894
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.1758

    eh. Brief, 1 Bl., 4 S., Bleistift

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Sandrock, Adele Dilly. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und Dokumenten Zusammengestellt von Renate Wagner Wien, München Amalthea 1975 146–147