Arthur Schnitzler an Adele Sandrock, [5.] 6. 1894

Meine geliebte Dilly,

bin noch im Café Luitpold, aber nach dem Speisen, zwischen zwei Gallerien – und zwischen zwei großen Dichtern. –

Bahr ist heute früh gekommen.–

Gestern Abend waren wir bei der »Jugend« von Halbe . Sehr interessantes Stück das in Wien wahrscheinlich verhöhnt worden wäre.–

Dein Telegramm, Schatz, fand der ich gestern Abend – nun ist hoffentlich Dein Fieber und die Schmerzen völlig weg – Aber, Kind, Kind, dass diese »Aufklärung« – nothwendig war – das hab ich doch nicht gedacht. Ich bin ja ein Säugling des Mistrauens gegen Dich!–

So sind nun bald 3 mal 24 Stunden, dass ich – von den telegraf. Worten abgesehn, nichts, gar nichts von dir gehört. Morgen bekomm’ ich wohl einen Brief. Ich reise Donnerstg u Freitg von hier ab, – wird rechtzeitg telegrafirt –

Im ganzen fühl ich mich recht wohl – abgesehen von der Sehnsucht nach den lieben Worten und nach den süßen Küssen, die mir in Wien das Leben – nach halb zehn versüßen und verschönen.

Hast du mich lieb? – Mir ist, als hätt ich dich Wochen lang nicht gesehn –

Leb wohl, mein geliebter Schatz und tausend Küsse!Dein dein Arth

Schnitzler, Arthur München [5.] 6. 1894
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.1758

    eh. Brief, 1 Bl., 4 S., Bleistift

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Sandrock, Adele Dilly. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und Dokumenten Zusammengestellt von Renate Wagner Wien, München Amalthea 1975 148