Adele Sandrock an Arthur Schnitzler, [16. 12. 1894]

Geliebter theurer Arthur!

Das Stückchen was ich gestern aufgeführt habe, ist auf Anrathen des Herman gescheh’n – und er sowohl wie ich haben uns gründlich getäuscht. –

Ich habe Deine Liebe zu mir erproben wollen – ich telefonire Dir – ich gehe in Gesellschaft – in der Früh schreibe ich Dir ich bin am Land – ohne ein Wort zu sagen sagst Du mir gut – gehe – ich frage Dich »bist Du mir böse« Du sagst kaltblütig nein – darauf hin schreibe ich Dir – – es wäre immer noch Zeit gewesen sofort zu mir zu kommen und zu sagen – Dilly ich verbiete Dir dahin zu geh’n – dass hättest Du auch gethan wenn Deine Liebe zu mir echt und wahr gewesen. –

Nun bin ich beruhigt denn ich habe das unmöglichste aufgeboten Deine Eifersucht zu erwecken – aber ein Mann der eine Frau nicht liebt – ist eben nicht eifersüchtig!

Heute kann und will ich es Dir sagen, daß ich nie daran gedacht habe, zur Marberg zu geh’n – und ich diese d F este dort nur als Mittel für meinen Zweck ersann um Dich doch mal aus Deiner Ruhe zu bringen – nichts hat da geholfen – Du bist gewiss ein zu großer Herr eifersüchtig zu sein. Um 6 ½ Uhr kam Charles zu mir, der mich in dieser Verfassung antraf. Er lud mich für das Volkstheater ein – ich sagte ihm – nein – ich erwarte jeden Augenblick den Arthur – ja – da konnte ich lange warten – der war es war ihm nicht der Mühe werth sich nur einen Augenblick aufzuregen – von ihm aus konnte ich ruhig die Nacht um 5 Uhr heimkommen – und da soll ich glauben dass Du mich liebst? Nein! – Die Sache hat mir vollauf Gewissheit verschafft! – Dass Geschenk mein Kind beweist mir Deine Liebe nicht – – nein – Bahr hat recht – er sagte mir – stelle ihn auf die Probe – wenn er Dich wirklich liebt wird er Dich nicht fortgeh’n lassen hat er Dich nicht lieb – dann thut er nichts dergleichen!.

Nun – ich kann Dir sagen Arthur ich dancke meinen HerrGott, dass ich nun weiss woran ich bin. Um 8 Uhr fuhr ich ins Volkstheater und ging zu Weiß in die Loge der mit Elboggen dasaß. Ich wäre zu Hause irrsinnig geworden. Vor Elbogen wollte ich nicht mit Carl darüber sprechen – als die Vorstellung aus war ko bat ich ihn mich in ein Gasthaus zu führen – Dort habe ich ihm den ganzen Sachverhalt erzählt – und der Mann gab mir noch Unrecht, vertheidigte Dich und sagte mir »Dilly« wie konntest Du so einen Unsinn machen! – Also auch da keine Stütze. –

Na – ich sage Dir Arthur – diese Sache kostet mich dass Leben – denn ich bin so grenzenloss unglücklich, so ein schauderhafter Eckel erfaßt mich wenn ich mir dencke solche Komödien aufführen zu müssen um mich zu überzeugen dass Du mich liebst – nein – es ist schrecklich – schrecklich – scheußlich! – Ich zittere am ganzen Körper!! –

Ich verwünsche den Bahr – der mich da so gehetzt hat – dieses wüste Scheusal – ich hätte mir großen Kummer erspart wenn ich dem sauberen Herrn nicht gefolgt hätte! – Na – diese Sache hat doch Etwas Gutes mit sich gebracht – ich bin denn doch im Klaren! Sei’n wir Freunde Arthur willst Du – sieh Engel – es ist ja gewiß nicht Deine Schuld wenn Du mich nicht lieben kannst – – sei mir dann wenigstens ein Freund – ich bitte Dich darum! Ich bin jeder Stunde bereit mein Leben für Dich zu lassen – denn nichts nichts liebe ich so grenzenlos wie Dich! –

Verzeih Engel wenn ich so frei bin Dir Deinen Brief zurückzusenden – ich habe genug durchgemacht – verbrenne diesen garstigen Brief – so grobe Worte will ich von Dir nicht aufbewahren – alles was mit Dir in Erinnerung zusammenhängt soll ja in Zukunft mein Rat und meine Stütze fürs Leben sein – lass mir das wenigstens. Ich habe nie glauben können dass ich mit Dir so bitter bitter unglücklich werden sollte – einen Mann so zu lieben – ist nicht gut–! Ich könnte verzweifeln! – Arthur – ich habe heut – nachdem was ich da gestern in dem Theater bei uns geseh’n – meine sofortige Entlassung verlangt – in längstens 14 Tagen dürfte ich am Burgtheater sein – der Direktor Burckhardt hat jemand gefunden der sofort die 8000 Gulden für mich zahlt – verzeih – aber ich muß Dir das sagen – jetzt da wir Freunde sind nimmst Du auch Antheil an mir – gelt – Du süßer einziger Junge? – Thuri – Thuri – wie war ich dumm und blöd – hätte ich nur Nicht geforscht – ich hätte Nichts erfahren und lebte noch heut in dem Wahn, Du liebst mich und ich wär’ selig was habe ich heute? –

Ach, Kind – könnte ich mich doch sterben lassen.  .  Bitte komme Montag Abend zu mir – ich muss doch noch mit Dir sprechen. –

Deine Dilly, die Dich anbetet.
Sandrock, Adele [Wien] [16. 12. 1894]
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4408

    hs. Brief, 2 Bl., 8 S., von Schnitzler datiert: » 16/12 94 «

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Sandrock, Adele Dilly. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und Dokumenten Zusammengestellt von Renate Wagner Wien, München Amalthea 1975 219–221