Arthur Schnitzler an Otto Brahm, 4. 1. 1898

Lieber Herr Direktor,

in einigen Tagen werden Sie mein Stück zugeschickt bekommen. Mit diesem verhält es sich so: Burckhard, der nicht auf die letzte Abschrift warten wollte, ließ es sich neulich von mir aus dem Manuskript vorlesen und erklärte mir sofort nach dem Anhören, daß er es noch im Jänner aufführen wolle, und ersuchte mich, der größeren Raschheit halber, die Sache gleich dem Burgtheater zu übergeben. Ich bedang mir aus, daß ich zu gleicher Zeit zwei Abschriften erhalten müsse, da ich das Stück dem Deutschen Theater zugleich mit dem Burgtheater übergeben möchte. Dies wurde mir zugesagt, und so werde ich Ihnen wohl in wenigen Tagen die Sache schicken können.

Am Tag nach Burckhard hab ich das Stück strengeren Richtern vorgelesen: Hofmannsthal (ich schwöre Ihnen, daß Kaiser und Hex das schönste von den dreien ist), Beer-Hofmann, Salten, Schwarzkopf – da hat sich mancherlei herausgestellt, was besser sein könnte, sogar wenn ich selber versuchte, es besser zu machen. Einiges habe ich geändert, so, wie es sein soll, ist es nicht geworden und wird es wohl nie werden, da gewisse Mängel doch gar zu tief in meiner Natur zu stecken scheinen. Ich wollte, ich hätte etwas weniger Einsicht und etwas oder auch viel mehr Talent; das wäre gut für meine Stücke und noch besser für meine Stimmung. Der Titel steht noch nicht fest. »Das Kind« ist zu nichtssagend, »das Vermächtnis« zu banal, jetzt halt ich bei dem Titel »In der Familie«.

Sie werden sich vielleicht wundern, daß Burckhard noch Stücke annimmt. Vielleicht wissen Sie, wie es mit der Direktionskrise1 am Burgtheater steht – hier weiß es niemand. Schlenther wäre ja sehr schön, aber von den andern ist mir – trotz allem! – Burckhard der weitaus liebste, vorausgesetzt, daß er sein Verhältnis zu Bahr lösen könnte. Wenn er einen anderen gefunden hätte als den, wäre viel aus ihm zu machen gewesen. Sie werden mir allerdings erwidern: das ist ja sein Fehler, daß er gerade den gefunden hat. – Heute haben wir das Freiwild am Carltheater besetzt, das kommt Ende Jänner dran.

Brandes kommt auf der Durchreise nach dem Süden nach Wien . Ich nehme an, er hält sich auch in Berlin auf; fahren Sie gleich mit ihm zu uns. Sie waren sowieso schon viel zu lang nicht da. Sonst hätten Sie nicht den Kaiser und die Hex so schnöd abweisen können. Ist das die Art mit Hexen umzugehen? Nach dem Johannes werden Sie sich wohl ausruhen können.

Wie stehts denn mit der Sorma? Ist das wahr, daß Sie sie ganz verlieren? Bitte grüßen Sie Georg Hirschfeld vielmals. Wie geht’s seiner neuen Arbeit? Ist er in Berlin oder in München ?

Viele herzliche Grüße! Ihr treuer
A. S.
Schnitzler, Arthur Wien 4. 1. 1898
Brahm, Otto [Berlin]
  • Schnitzler, Arthur Brahm, Otto Der Briefwechsel Arthur Schnitzler – Otto Brahm. Vollständige Ausgabe Hg., eingeleitet und erläutert von Oskar Seidlin Tübingen Max Niemeyer Verlag 1975 39–41
1 DirektionskriseSeit Dezember 1897 diskutierten Zeitungen die Nachfolge Burckhards, der schließlich resignierte.