Arthur Schnitzler an Otto Brahm, 1. 7. 1904

Lieber Freund,

auf Ihre Karte von Lahmann antworte ich Ihnen der Sicherheit halber an Ihre Berlin er Adresse ohne zu ahnen, wo Sie sich heute wirklich aufhalten. Ich bin etwa 14 Tage lang krank gewesen, sogar bettlägerig – eine Gelbsucht, die aber nun in raschem Verschwinden ist. Gearbeitet hab ich natürlich so gut wie gar nichts – in der vergangenen Zeit auch nur am Roman – und auch daran nicht so viel, als ich von mir verlangen könnte. Was dramatisch zunächst fertig wird, und wann dies zunächst sein mag, getrau ich mich auch nicht annähernd zu sagen. In Taormina hab ich ein paar Komödienakte hingeschmissen die, so wie sie sind, gar nichts zu bedeuten haben. Einer der ersten Menschen, die ich in Wien sah, war Holländer, als Gesandter des Kleinen und Neuen Theaters. Jarno hat sich wegen des Einsamen Weges an mich gewandt. Um ihn nicht für Wien vollkommen zu verlieren, werd ich mich doch entschließen, ihn einem dieser beiden Theater, Volkstheater oder Josefsstadt, zu überlassen. Es tut mir ja freilich in der Seele weh, daß ich Bassermann nie wieder als Sala sollte sehen dürfen. Mit wieviel Perzent Wahrscheinlichkeit denken Sie den Einsamen Weg ins Repertoire wieder aufzunehmen? Ferner: Sie wollten Liebelei und Literatur zusammen geben, hielten Sie es nicht für versuchenswert, die Lebendigen Stunden als Zyklus, wie sie geschrieben waren, neu einzustudieren? Noch eins, freilich nur der Vollständigkeit halber, nämlich daß das Märchen ein oft gespieltes, höchst beliebtes Repertoirestück in Rußland geworden ist, eine berühmte russische Schauspielerin mit unaussprechlichem Namen immerfort darin gastiert (und daß ich natürlich keinen Heller bekomme, während der Übersetzer bereits mehrere tausend Rubel eingesteckt hat.)

Meine ferneren Aussichten und Pläne für den Sommer: hierbleiben, mit gelegentlichen kurzen gebirgigen Unterbrechungen. Im September vielleicht 10–14 Tage Salzburg , Ischl usw. – Arbeiten. Ich bin schändlich faul. Vom Meister hab ich, vielen Dank für die schöne Loge1, samt Frau viel Freude gehabt. Rittner einzig. Minder einzig das Übrige. Seien Sie herzlich gegrüßt, lassen Sie bald was von sich und Ihren Plänen im engeren und weiteren vernehmen.

Ihr A. S.
Schnitzler, Arthur Wien 1. 7. 1904
Brahm, Otto [Wien]
  • Schnitzler, Arthur Brahm, Otto Der Briefwechsel Arthur Schnitzler – Otto Brahm. Vollständige Ausgabe Hg., eingeleitet und erläutert von Oskar Seidlin Tübingen Max Niemeyer Verlag 1975 159–161