Arthur Schnitzler an Otto Brahm, 8. 8. 1904

Lieber Freund,

Sie kennen ein kleines Stück von mir, Der tapfere Cassian betitelt, und ein anderes, Marionetten , das seinerzeit von Wolzogen in Grund und Boden gespielt wurde, und sind jedenfalls meiner Ansicht, daß sich diese beiden Burlesken zur Aufführung an einem großen Theater nicht eignen. Außer diesen zwei Sachen existiert ein etwas frecher Einakter, den ich schon ein paar Jahre liegen habe, weil ich zu seiner evtl. Verwertung erst die richtige Gelegenheit abwarten wollte. Daß Reinhardt schon lange etwas von mir geben will, ist Ihnen nicht unbekannt, und nun hat er sich telegraphisch wegen dieser 3 Einakter an mich gewandt, die er noch nicht kennt (höchstens den Cassian ), auf die er aber durch Steinrück, dem ich die zwei Einakter neulich vorlas, in der lebhaftesten Weise hingewiesen worden zu sein scheint. Ich halte es nun für möglich, daß die 3 Einakter im Kleinen Theater, zur Faschingszeit eventuell und gleich als »burlesker Abend« bezeichnet, wirken könnten, und habe die Absicht, Reinhardts Telegramm zusagend zu beantworten. Sie aber sollen es früher erfahren als jeder andere, damit eventuelle Mißverständnisse von vornherein unmöglich werden. Daher diese Benachrichtigung, die sonst kein besonderes Interesse zu beanspruchen sich erlauben möchte.

Das neue (soll ich wirklich wagen, es »Lustspiel« zu nennen? .  .  .  leichte Wolken ziehen wieder auf), nun wie immer: es schreitet vorwärts, und gestern hab ich, in erster Schlampschrift, den 2. Akt begonnen.

Wie wird Ihnen unter dem unbegreiflichen blauen Himmel dieses seltsamen Jahres? Ich bin im Grunde sehr froh darüber, in manchen Stunden beinahe beglückt, und das Wort Sommer beginnt einen Sinn zu bekommen, der hierzulande schon vergessen war. Gestern waren wir mit Bahr zusammen, der vergnügt und recht wohl scheint. Viele Grüße an Hauptmann.

Herzlichst Ihr A. S.
Schnitzler, Arthur Wien 8. 8. 1904
Brahm, Otto [Berlin]
  • Schnitzler, Arthur Brahm, Otto Der Briefwechsel Arthur Schnitzler – Otto Brahm. Vollständige Ausgabe Hg., eingeleitet und erläutert von Oskar Seidlin Tübingen Max Niemeyer Verlag 1975 164–166