Brahm an Arthur Schnitzler, 27. 2. 1908

Lieber Freund,

es tut mir sehr leid, daß wir Sie hier nicht sehen können, aber Ihre Gründe müssen natürlich entscheiden. Ich denke am 5. oder 6. auf ca. acht Tage fortzugehen, zur Erholung, weiß noch nicht recht wohin. Vor dem Wien er Lärm fürcht ich mich doch; und ob es in der Nähe Wien s eine Möglichkeit gäbe, europäisch zu existieren weiß ich nicht. Außerdem kann ich eigentlich nur auf ebenem Terrain hausen, ich habe mir, vor 2 Monaten schon, eine Muskelzerrung geleistet, die noch nicht ganz verspurlost ist und bei jedem bergauf und bergab sich beschwert. Ich habe für Wien noch nicht abgeschlossen, es kann möglicherweise jeden Tag dazu kommen. Geschieht es und werden Sie mit dem Ruf nach Wunsch fertig, so steht einer Aufführung und einer trefflichen Orloff-Leistung meinerseits nichts im Wege. Wir haben bis jetzt nur Die gelbe Nachtigall als Novität und allenfalls diesen von Ihnen gemißachteten Hinnerk 1.

Ich freue mich, Sie so arbeitslustig zu wissen und bin begierig, was sich, bei so trefflich-weisen Vorsätzen, gestalten wird.

Ihrigst O. B.
Brahm, Otto Berlin 27. 2. 1908
  • Schnitzler, Arthur Brahm, Otto Der Briefwechsel Arthur Schnitzler – Otto Brahm. Vollständige Ausgabe Hg., eingeleitet und erläutert von Oskar Seidlin Tübingen Max Niemeyer Verlag 1975 254
1 Hinnerk Närrische Welt, Komödie in drei Akten.