Brahm an Arthur und Olga Schnitzler, 28. 4. 1910

Lieber Freund,

mit Vergnügen ergreife ich die Feder (und das Wort, das Sie mir gegeben haben), um Ihnen allen zu dem neuen Heim herzlich Glück zu wünschen. Mögen Sie darin sehr schön leben und schreiben und kein fiktives, nur effektives Vogelgezwitscher hören.

Das weite Land könnten Sie mir nun wirklich bald schicken. Wie lange machen Sie mir nun schon damit den Mund wäßrig? Und welcher moderne Mensch braucht von jetzt bis Anfang Juni, um die Fahnen seines Werkes hochzuhalten?

Übrigens war es ein rechter Unsinn, daß Sie mir beim Anatol in den Arm gefallen sind (da wir gerade vom Hochhalten reden, und das tue ich beim Anatol ), und daß ich Ihnen, rücksichtsvoll wie immer, nachgab: die geplante Zeit um Ostern war absolut gut, da das Konzert damals von seiner stolzen Höhe herunterkam und der Weg ins Freie frei war. Man soll halt nicht tun, was die Autoren sagen: Q. e. d.

Aus diesem Grunde werde ich auch die Hebammennichte nicht engagieren (mit nichten, hätt ich beinah gesagt), die ich übrigens schon kenne – was auch ein Grund ist! Im Urteil über den Halben Helden treffen Sie mit Ihrem Freunde, dem Lessing, zusammen, der dieses Werk für Eulenbergs spielbarstes hält. Ich finde es etwas pueril, seiner Vorzüge unbeschadet, hatte aber auf die Wien er Nachrichten hin schon daran gedacht, es wieder zu lesen und will es nun sogar tun. Wie war denn der Herr Träger der Hauptrolle, der sich mir sehr empfohlen hat?

Nach Wien kommen wir nicht, es wäre ein ganzer Roman zu erzählen, weshalb nicht. Und da nehm ich Rücksicht auf Ihre Nerven, denen ich die schönste Sommererholung wünsche. Daß wir uns in den nächsten Monaten sehen, ist nun wohl leider ausgeschlossen.

Herzlich Ihr O. B.
Liebe Frau Olga,

es wird doch unserer Freundschaft keinen Abbruch tun, daß ich den von Ihnen gegengezeichneten Wunsch der hohen Frau, die um Lili, Heini und deren Eltern, Familie, Freunde, die Menschheit und die Kunst sich so verdient machte, nicht erfüllen kann? So eine Weh- und Achmutter wird die Weise doch nicht sein.

Sie wundern sich vielleicht, daß ich dem Arthur so viel dummes Zeug schreibe. Das kommt aber daher, weil ich immer lachen muß, wenn ich an ihn denke.

Ich kann aber auch sehr ernst sein.

Viele gute Grüße Ihnen und den Kindern

Ihr aufrichtig ergebener O. B.
Brahm, Otto Berlin 28. 4. 1910
  • Schnitzler, Arthur Brahm, Otto Der Briefwechsel Arthur Schnitzler – Otto Brahm. Vollständige Ausgabe Hg., eingeleitet und erläutert von Oskar Seidlin Tübingen Max Niemeyer Verlag 1975 302–303