Brahm an Arthur Schnitzler, 7. 2. 1910

Lieber Freund,

von dem großen Erfolg der Pantomimik hatt ich schon gelesen und wünsche, daß er sich über Wien nun in die weite Welt der Internationale verbreite. Dagegen ist mir Bergers Positivität vor dem Freunde Heinis ein Novum gewesen, und ein sehr erfreuliches. Möge der Mann sich weiter so gut anrauchen, dann werden Sie Schlenthers (guten) Abgang bald verschmerzt haben. Den Olmützern ihre Märzfreude zu rauben bringe ich nicht übers Herz. Nur rate ich Ihnen, dort nicht zu viel Chateau Palugay zu trinken, wie ich bei meinem letzten Dortweilen, man kriegt einen ekelhaften Kater davon. – Es ist edel von Ihnen (doch nicht edler, als Sie von sich beanspruchen können), daß Sie sich unseres Konzertierens freuen, das nachgerade unheimliche Dimensionen annimmt. Gestern, 31. Vorstellung, 6050 Mark. Dagegen weiß ich es noch extra zu schätzen, daß Sie mir gerade an meinem Geburtstag1 obenerwähnte edle Empfindungen ausdrücken2, als welcher schon öfter in unseren literarhistorischen Beziehungen mitwirkte, z. B. als Sie mich am 5. Februar bei der Arrangierprobe vom Ruf des Lebens 3 so anschnauzten (2. Aktschluß), und dann in jener schönen Zeit, als ich noch Dichterkinder mordete4. – Doch um vom Anlauf unseres Witzes in einen mehr gesetzten Ton zu fallen, dem Ernst des Gegenstandes gemäß: wenn es Ihnen recht ist, wär es, glaub ich, wirklich gut, den Anatol bis unmittelbar nach Ostern zu lassen, also letzte Märztage. Bis dahin wird ja Das Konzert auf menschliche Dimensionen herabgelangt sein, und wir vermeiden dann auch die nicht günstige Karwoche, in der obendrein die hohe Polizei dem Anatol Schwierigkeiten machen könnte. Außer dem Hirschfeld 5 will ich nichts mehr bringen bis zum Anatol ; ich fürchte, der arme Georg wird einen schweren Stand haben neben Bahr und Hardt 6 (der auch noch gut geht). Den Shaw 7 hab ich auf nächste Spielzeit gelegt, auch Hauptmann ließ sich mitsamt den Ratten vertagen, die übrigens jetzt »Der Storch beim Maskenverleiher« heißen sollen. (Sein Ernst, meiner allerdings nicht.) – Nun werden Sie behaupten, es müsse mir sehr gut gehen, dieweil ich so von Gelde und Humor strotze? Da sehen Sie, wie leicht die Ärzte sich irren: ich bin nämlich erst vom Krankenlager aufgekrochen, das ich wegen Ischias aufgeschlagen hatte; Sie können es übrigens auch Hexenschuß nennen, darum tut es nicht weniger weh. – Und Sie, und die lieben Leute alle, Mutter und Kinder? Was macht das Vogelgezwitscher und die andern Dinge, die man unter der Spitzmarke »Übelstände« zusammenfassen könnte? Wobei mir der brave, aber rätselhafte Hugo von Hofmannsthal einfällt, der schon lange hier sein soll, mir aber kein Lebenszeichen gab; so ist er um seine Heim(s)reise besorgt. Und dies wieder führt in organischer Verknüpfung auf die Reise zum Semmering , die Sie mir vorschlagen: ich kann aber nicht nachschlagen, erstens weil ich kein Lexikon habe (und das ist mein Stolz) und dann weil auch der jüdische Pastor nicht zweimal im Jahr auf dem Wasserleitungsweg predigt. In diesem Sinne grüßt Sie herzlich

Ihr O. B.
Brahm, Otto Berlin 7. 2. 1910
  • Schnitzler, Arthur Brahm, Otto Der Briefwechsel Arthur Schnitzler – Otto Brahm. Vollständige Ausgabe Hg., eingeleitet und erläutert von Oskar Seidlin Tübingen Max Niemeyer Verlag 1975 297–299
1 GeburtstagEr wurde am 5. 2. 1910 54 Jahre alt.
2 Empfindungen ausdrückenNicht überliefert.
3 Arrangierprobe vom Ruf des Lebens 5. 2. 1906.
4 Dichterkinder mordete Brahm hatte in seiner Inszenierung der Liebelei (4. 2. 1896) die Kinderrolle gestrichen.