Josef Redlich an Hermann Bahr, 2. 2. 1918

Lieber Freund,

Ich weiss nicht, ob ich Ihnen in meinem letzten Briefe den Empfang Ihrer frd. Sendung der jüngsten Rathenau’schen Schrift 1 bestätigt habe: wenn nicht, so thue ich dies heute und verbinde damit mn Glückwunsch zu dem brillanten Essay 2 im heutigen Wiener Journal über diese Schrift. Sie charakterisiren die Persönlichkeit R.s höchst treffend und mit ihr die Stellung des Berlin er Judenthums. Es ist durchaus richtig, dass die Juden in Berlin sich eine geistig leitende und produktive Stellung im Leben der deutschen Nation prod gesichert haben: während das Wiener Judenthum die alte österreichische Kultur hauptsächlich zersetzt, karrikiert und unfruchtbar gemacht hat, ohne an deren Stelle etwas Neues und Lebenskräftiges zu setzen. Freilich, in der österr. Industrie haben die Juden durchwegs die führende Rolle gespielt, sie sind darin und im ganzen modernen Wirtschaftsleben Oesterreichs noch ganz anders die Führer und Schöpfer d gewesen als ihre Glaubens- oder »Rassegenossen« in Berlin . Jedoch im Geistigen haben sie teils nur mittelmässig teils Direkt korrumpierend gewirkt: sie haben statt Literatur Feuilletonismus gemacht, statt wirklicher Dichtung Gesellschaftssatire, übrigens auch in der müden und wenig produktiven Weise Arthur Schnitzlers. – Was Sie über Rathenaus Büchlein sagen, trifft ganz meine eigene Meinung: imme ich möchte ebenso gern wie Rathenau eine bessere Gesellschaftsordnung als die unsrige sehen und ich bin bereit, Alles, was dazu geschehen kann, meinerseits mitzumachen, aber an den »Staat« als ökonomischen Retter und Heiland glaube ich nicht. Immer wieder dieselbe preußische Überschätzung des Mechanismus, den man dort »Staat« nennt, obgleich doch Rathenau selbst über das Wesen und die traurigen Folgen dieser Mechanisierung soviel Kluges gesagt hat. Derselbe »Staat«, der jetzt die Multimillionäre des Kriegsgewinnes geschaffen hat, soll jetzt die socialistische Gesellschaft produzieren! Wo sind die Menschen, die diesen »Staat« verkörpern sollen? Etwa die Herren v. d. Vaterlandspartei, oder die lendenlahmen Sozialdemokraten? Ich glaube, auch diese Aufgaben wird England wieder besser lösen als wir; wenn irgendein Sozialismus etwas praktisch Brauchbares schafft, wird es der jener Leute sein, die die Arbeiterschaft Englands in diesem Kriege leiten. – Wie geht es Ihnen, lieber Freund, mit der Gesundheit? Ich bin noch immer nicht ganz up to the level, bin erkältet und heiser. Leben Sie recht wol und seien Sie vielmals gegrüßt von Ihrem getreuen

Redlich

Seidlers Sturz ist eine der kläglichsten Affairen: die Herren Deutschnationalen haben diesen »armen Narren« gut in die Tinte gesetzt. Er wird natürlich nicht bleiben u dies ist mir ebenso klar, wie dass die Ukraine ein ungeheurer Bluff und »fraud« ist. 3

Redlich, Josef Wien 2. 2. 1918
  • Weiterer Druck: Bahr, Hermann Redlich, Josef Dichter und Gelehrter. Hermann Bahr und Josef Redlich in ihren Briefen 1896–1934 Hg. Fritz Fellner Salzburg Verlag Wolfgang Neugebauer 1980 306
2 Essay Hermann Bahr: Tagebuch. 27. Januar. In: Neues Wiener Journal, Jg. 26, Nr. 8719, 10. 2. 1918, S. 3.
3 Seidlers Sturz ist eine der kläglichsten Affairen: die Herren Deutschnationalen haben diesen »armen Narren« gut in die Tinte gesetzt. Er wird natürlich nicht bleiben u dies ist mir ebenso klar, wie dass die Ukraine ein ungeheurer Bluff und »fraud« ist. Auf der 1. Seite über dem Kopf hinzugefügt.