Felix Salten an Hermann Bahr, 9. 2. 1904

Verehrter lieber Freund, das thut mir sehr leid, dass Sie andauernd in so deprimirter Stimmung sind, denn es ist ein Zustand, der mehr als irgend eine Krankheit schmerzt. Glauben Sie nicht, dass Marbach daran schuld ist? Und der Bodensee? An und für sich macht so ein Wasser nervöse Leute noch trauriger und alle Abende werden trüber und einsamer als sonstwo. Der Bodensee aber hat mich wenigstens immer aufs äußerste verstimmt. Wenn Sie sich doch entschließen wollten, wo anders hinzugehen. Ich habe die ganze Zeit immer den Gedanken, dass hier eine Ihrer schönsten Eigenschaften: das Festhalten an einer Person, Ihnen vieles erschwert. Ich will damit gegen Ortner gewiß nichts sagen, aber gar so bedingungslos sollten Sie sich doch nicht in alles fügen, am wenigstem in dieses über Sie verhängte Marbach . Blei schreibt mir übrigens, er habe den Marbach er Direktor in München gesprochen und von ihm erfahren, dass Ihre Herzsache garnicht arg sei. Der Director hat den Eindruck, man müße mit Ihnen als Arzt den Pessimisten hervor kehren, sonst sind Sie zu einer ordentlichen Schonung nicht zu haben. Ich muß sagen, dass diese ganz gelegentliche, garnicht aufs »Wieder-sagen« berechnete Mittheilung Blei’s mich doch in jeder Beziehung sehr beruhigt hat. Ich bin übrigens, was die Stimmung betrifft, auch ziemlich unten. Jetzt plane ich eine g’schwinde Fahrt nach Cairo und hoffe mir eine Erfrischung davon. Mit meinen Arbeiten ist es nichts, langt knapp für die Feuilletons, die Einem ja im Grund doch keine Freude machen.

Der akad. Verein will »Wenn wir Toten erwachen.  .  « aufführen, was Sie ja wissen. Berger hat ihnen die Regie abgesagt, Jarno will nicht, und so haben sie mir die Regie angetragen. Was geschrieben sei? Ich will als nächste Vorstellung die »Schwester Beatrix« von Maeterlinck, mit Schnitzler’s »Tapferen Cassian.« Ich halte den »Einsamen Weg« auch für das Beste, was Arth. geschrieben hat. Auf die schönste Weise scheint mir in diesem Stück die Kunst Ibsens neu aufgenommen, wenn auch nicht fortgesetzt. Aber an dieser Ibsen’schen Kunst der absolut inneren Steigerung, Spannung u. s. w. hat sich Schnitzler selbst prächtig entfaltet. Wie sehr gibt übrigens der einsame Weg gerade meinem Reigen Feuilleton recht, und wie direct ließe sich an diesem Stück gerade – aus dem Gegensatz – der vormals in Schnitzler thätige Trieb zur Kleinkunst1 nachweisen.

Ich bin sehr begierig, wie man in Berlin diese Arbeit aufnehmen wird. – Neulich war ich genötigt, in Gesellschaft von Antropp, D r Max Graf, etc. Herrn Holzers Kohlhaas zu hören. Dass ich da aufsitze, glaube ich nicht; glaube aber sehr, dass viel Gutes in diesem Stück enthalten ist, vieles, das wie Kraft aussieht, und ein Akt (Gerichtsscene) in dem auch wirkliche Kraft steckt. Wenn er den letzten Akt besser träfe, könnte man sich auf der Bühne einen Erfolg erwarten.

Nun etwas Komisches. Gestern auf dem Concordia Ball – (ich nicht dort) hat der Spiegl unsere Frau Bruck-Auffenberg beleidigt, und Dr Ehrlich hat unserm Herrn Wilhelm insultirt. Ganz ohne Grund. Diese Widder sind jetzt auf einmal wie die Leoparden2. Natürlich große Geschichte in der Redaction. Der Spieß wird umgedreht, und Spiegl, wie Ehrlich sind jetzt die Wütheriche und Lippolds die Soldatenmißhandlungen begehen. Standesekel. Monatsversammlung. Einstweilen habe ich den Moment ersehen, und vorgeschlagen, die Redaction der »Zeit« möge corporativ in den »Journalistenbund« eintreten. Was in fünf Minuten gemacht. Und vor einer Stunde habe ich Ihrem Singer 3 nach Paris telegrafirt, dass sein Bund 42 neue Mitglieder haben kann. Wenn Einem diese Sachen nicht nach einer halben Stunde langweilig würden, könnte man sich ja jetzt ein paar Wochen amüsiren. Ihnen schrieb ich davon, weil ich denke, es macht Ihnen für einen Momente Spaß. Soll man Ihnen nicht so lange Briefe schreiben? Hoffentlich wirds bald Frühling und dann werden Sie wahrscheinlich auch heiterer werden.Laßen Sie mich gelegentlich, wenn Sie’s leicht können wieder ein Wort von sich hören. Otti grüßt Sie viele male sehr herzlich. Der Bub auch, natürlich.

Aufrichtig Ihr
Salten
Salten, Felix Wien 9. 2. 1904
2 Widder sind jetzt auf einmal wie die LeopardenFabel aus der Sammlung Reineke Fuchs in Afrika von Wilhelm H. J. Bleek ( Fabeln und Märchen der Eingeborenen. Weimar: Böhlau 1870, S. 18–20): Ein Widder bringt einen Leoparden dazu, sich vor ihm zu fürchten.
3 Ihrem Singer Wilhelm Singer, Herausgeber des Neuen Wiener Tagblatts und Vorsitzender der Internationalen Dachorganisation des Österreichischen Journalistenbunds.