Adele Sandrock an Hermann Bahr, 17. 8. 1894

Lieber Freund Hermann!

So sachte fange ich nun an zu glauben das bei Dir jegliche Hoffnung aufzugeben ist. Dein heutiges Schreiben beweißt mir, wie arg Dein Gehirn beschädigt ist – –

Dein erster Gedanke ist – »Ihr schwelgt und jubelt«. Ha Ha – Du Thor – Du kleines Schäfchen ohne Wolle – da giebt’s nichts zu jubeln – und noch viel weniger zu schwelgen! – Ja – wenn es von mir abhinge – aber Du vergißt am Thuri 1 – daß süße Engelsgesicht ist immer grantig und momentan sehr böse auf mich. Er ist noch nicht da – in vier Stunden soll er kommen – ich bebe und zittere, wenn ich daran dencke diesen einzigen Liebling wiederzuseh’n. Kind – ich muß auf die Luft – ich halts nicht aus! – – Drei Stunden später.

So – jetzt wird das Kind bald hier sein! – Ich habe mir Salzburg angeseh’n – finde daß Städtchen sehr niedlich, aber nicht besonders aufregend. Willy weilt momentan in Ischl – Elisabeth Hotel und hat daß zweifelhafte Vergnügen sicher Baron Springer, Julius Bauer Herr Dumba und Scziraky da zu seh’n. – Ich werde hier so sechs bis acht Tage bleiben und werde dann wohl nach Wien fahren. Ich soll in Ischl noch gastiren aber mich ekelt diese Bagage dort so an, daß ich mich wohl drücken werde. Das verwahrloßte Ehepaar Girardi 2 sorgt ja genügend für künstlerische Genüsse – zu was brauch ich da diesen Trotteln zu ergötzen. –

Du Hermann noch, noch eine halbe Stunde. – Hast Du einen Schimmer wie mein Herz fliegt? –

Da möchtest Du nun wieder gern dabei sein? Hä! – Bist Du wirklich so melancholisch wie Du Dich stellst? – Und die heiße glühende Liebe zur Willy? Du a propos da Du so heirathslustig bist – ich weiß Dir eine sehr gute Parthie – heirathe die Tochter vom Doctor Landesberger – Kennst Du das Jungferchen? Doch jetzt muß ich mich sammeln sage Dir daher adieu. Lebe großartig und sei herzlichst gegrüßt von Deinem treuen Freund

Diltsch.

Deine boshafte Bemerkung – ob Willy meine Tugend beschirmt, finde ich entschieden den heutigen Verhältnissen nicht angemessen? Wo ist die Tugend die da bei mir beschirmt werden sollte? Gott sei Dank ist man darüber erhaben – Das ginge mir noch ab! – Ich sende Dir heute noch ein Bildchen – Du siehst – Du bist nicht der einzige Idiotisch angelegte Mensch – mit dem zeugel3 bin ich herumgefahren. – Solche Hörnchen wie die zwei Böcklein haben – werde ich später einmal meinem Männchen aufsetzen. Die geben aus – was?? –

Ich hoffe noch von Dir ein Schreiben hieher zu erhalten – – wenn Arthur kommt – werde ich ihn von Dir grüssen! –

Also, auf baldiges enormes Wiederseh’n.
Herzlichst der
Deinige.

Kristel übersendet Dir tausend Grüsse auch Mama. Beide weilen noch in Marienbad . – Was macht Herr Wächter4? Ich habe jetzt auch einen süßen Spitz – häßlich wie seine Herrin aber lieb! – Was hast Du über Heimath gesagt? Warum warst Du so beleidigend mir nicht einmal zu gratuliren? Am 19 August habe ich Geburtstag – da kannst Du mir schreiben.– – Bab.

Sandrock, Adele Salzburg 17. 8. 1894
Bahr, Hermann [Wien]
1 am Thuri Unsichere Anwendung des Wiener Dialekts: »vergisst an X« für »vergisst auf den X«?
2 Ehepaar Girardi Alexander Girardi und Helene Odilon.
3 zeugelFahrzeug. Hier wohl, als nicht überlieferte Beilage, eine Fotografie Sandrocks auf einem von Ziegen gezogenen Leiterwagen. Vgl. die Abbildung im Bw Schnitzler/Sandrock, nach S. 64.