Brahm an Hermann Bahr, 19. 10. 1911

Lieber Freund,

Ihr Stück 1 hat mir recht gut gefallen und ich habe durchaus empfunden, dass es Ihnen näher steht, als die letzten Arbeiten. »Höchst bedenklich« erscheint es mir nicht, wenn ich auch annehme, dass die Sphäre des » Nussmenschen 2«, die Sie hier ins Dramatische übertragen, manchem befremdlich und schwer verständlich sein wird. Aber das gilt doch für die ferne Provinz eben so sehr und noch mehr, als für die Grossstädte, und deshalb könnte ich zu einer Uraufführung irgendwo da draussen nicht raten. Für uns wäre es freilich schwer möglich, das Stück in Berlin noch in diesem Spieljahr zu bringen; aber wie dächten Sie darüber, wenn wir es den Wien ern zuerst vorführten, im Mai? Besetzen können wir es wol, nur der Hans bietet ein Problem; sonst etwa: Friedrich – Reicher, Gertrud – Lehmann oder Lossen, Luz – Somary, Peter – Stieler, Kreger – Forest, Everbusch – Marr (?), Lene – Herterich. – Da Sie mir Secretirung anbefahlen, hab ich das Lustspiel Lessing noch nicht lesen lassen; kann er es jetzt haben? – Im Ganzen stehe ich positiv zu dem Stück, wie ich eingangs sagte, finde vieles fein und lustig; im Einzelnen könnte ich mir manches runder, lebendiger noch denken, und habe mir einen Sack von Einwänden sonderlich gesammelt. Eh ich ihn aber ausschütte, möchte ich wissen, ob Sie Lust hätten, in der Zeit, die etwa bis zur Aufführung verginge, noch einmal an das Werk heranzugehen, vielleicht nach einigen Monaten, wenn das Stück schon etwas von Ihnen abgerückt ist. Hoffentlich bescheert uns das Glück dann eine persönliche Begegnung hier oder in Wien , zur mündlichen Beredung.

Insbesondere der dritte Akt erscheint mir noch nicht recht »durch«, die Szenen der Gertrud mit Kreger (dem ich keinen so bösen Steckbrief wünschte), mit Hans, mit Lene finde ich noch zu theoretisch; der hübsche Schluss von Hans – Irene ××××× notire ich allerdings aus. Und misslungen finde ich die Gräfin, die müsste m. A. ganz neu geformt werden. Aber ich sehe, ich komme doch zum Sack-Ausschütten, und kehre ich schleunigst wieder um.

Für das »Tänzchen« möchte ich vorläufig an der Ergänzung durch »Mizzi« festhalten; sollten mich die Proben anders belehren, werd ich es dann machen wie beim »Concert« und Ihre Alleinherrschaft etabliren. Die treffliche Herterich halte ich für Fr. Heydt wenig geeignet. Die Busch hat sich bei Schnitzler ganz gut bewährt. Lehmann – Frau Biest wird allerdings nicht zu machen sein, aber die Lossen, unsere Frau Solness 3, wird die Rolle gut spielen, denke ich. Frl Lossen hoff ich an die Malwine heranzukriegen; wenn sie sich nur nicht auf einen gewissen Hermann Bahr und seinen Schiedsspruch in einer Kleine-Rollen-Affäre4 in Wien bezieht!

Dass der arme Kleist nun auch das Scheltwort: Revolvermann nachgerufen bekommt, wird ihm sein 100jähriges Totsein hoffentlich nicht stören; auch über dieses Problem spreche ich lieber mündlich mit Ihnen, als auf diesem unvollkommenen Federwege.

Alles Schöne Ihnen Beiden!

Ihr
OB

Sauer – Kathen unmöglich wer traut dem Ärmsten das Ballhaus zu? Bin für Rickelt 5

Brahm, Otto Berlin 19. 10. 1911
Bahr, Hermann [Wien]
  • A Wien Theatermuseum HS AM 16072 Ba

    eh. Brief, 1 Bl., 4 S., Lateinschrift, gedruckter Kopf: » Lessing-Theater / Direktion / Dr. Otto Brahm. / Berlin NW. 40 , den ........... 1911 «

1 Stück Das Prinzip.
2 Nussmenschen Figur aus Bahrs Roman O Mensch.
3 Frau Solness Ehefrau der Hauptrolle in Ibsen: Baumeister Solness.
4 Kleine-Rollen-AffäreDie Schauspielerin Else von Ruttersheim hatte sich auf ihr Recht berufen, Rollen abzulehnen, die ihrer Karriere schaden könnten. Für den folgenden Prozess, der am 5. 5. 1911 stattfand, verfasste Bahr ein Gutachten, worin er ihr zustimmte. (Sein Text veröffentlicht als Das Recht der Rollenverweigerung, Österreichische Bühnenvereins-Zeitung, Jg. 18, H. 17, 10. 6. 1911, S. 1–2).
5 Sauer – Kathen unmöglich wer traut dem Ärmsten das Ballhaus zu? Bin für Rickelt Am linken Seitenrand entlang des Textes.