Hermann Bahr an Felix Salten, 24. 8. 1904

Lieber Freund!

Ich danke Ihnen sehr für Ihren lieben Brief, der mir sehr wichtig war. Sie können sich (bei der Unsicherheit, in der man doch immer eine Zeit lang ist, ob denn das, was man will, auch wirklich heraus gekommen ist) denken, wie angenehm es mir ist, daß Sie gerade die Sätze nennen, in welchen nach meiner Intention das ganze Stück steckt. Auf den letzten Akt hin mit dem: »Ich will ein stilles Gebet verrichten« und »daß sie lebt .  .  .  lebt, alter Mann« und eigentlich so gar aus dieser Situation des letzten Aktes heraus ist das alles entstanden. Mit dem dritten Akt haben Sie recht: ich schrieb neulich erst an Reinhardt, daß er schlecht ist, was dieser vorderhand noch nicht so spürt, aber schon durch mich noch einsehen lernen muß, damit er dann seine ganze Regieenergie darauf wirft, um es zu verbergen. Ich kann es nemlich nicht ändern, ich habe mich schon so mit diesem Akt geplagt, hier ist mein Talent eben an seiner Grenze: es felt mir an plastischen Einfällen, da ich halt leider nicht der Trebitsch bin.

Über alles andere morgen. Nur um sie zu amusieren, die Urteile, die bisher vorliegen:

Schlenther 1: Mein bestes Stück.

Burckhard 2: Entweder ein ganz großer Erfolg oder ein Durchfall mit Skandal. Ihm gefällt es. (Was nichts beweist, da ihm natürlich die Tendenz sehr nahe geht)

Brahm 3: Kühl, die Technik anerkennend, ohne wirklichen Eindruck zu haben.

Reinhardt 4: Verrückt enthusiastisch, besonders für den letzten Akt.

Holländer: Mein bestes Stück, weit über Meister, auch an der gesammten deutschen Production von heute gemessen sehr hoch. Aber Bedenken gegen den letzten Akt.

Hugo: weiß damit gar nichts anzufangen5 (was nichts beweist, weil er mir wörtlich dasselbe einmal über »Wenn wir Toten erwachen« gesagt hat.)

Möchten Sie das Exemplar gelegentlich Arthur geben? Ich hätte gern, daß er es liest, und habe vorderhand Not an Abzügen. Sie kriegen dann erst ein ordentliches Buch.

Aber mit dem Dichter haben Sie unrecht. Ich bin wirklich keiner. Ganz ernsthaft und ohne jede »Bescheidenheit«, die da zu dumm wäre. Aber dies mündlich. Grüßen Sie Ihre liebe Frau und die Kinder herzlichst.

In Eile
Ihr
B.
Bahr, Hermann Wien 24. 8. 1904
  • A Wien Theatermuseum HS AM 38078 Ba

    eh. Brief, 1 Bl., 4 S.

1 Schlenther 25. 7. 1904, TMW, HS AM 23143 Ba.
2 Burckhard Nicht ermittelt.
3 Brahm 26. 7. 1904, TMW, HS AM 16005 Ba.
4 Reinhardt Telegramm, TMW, HS AM 22319 Ba.
5 Hugo: weiß damit gar nichts anzufangen Bw Hofmannsthal/Bahr 267.