Hermann Bahr an Siegfried Trebitsch, 26. 1. 1904

Besten Dank für Ihre lieben Zeilen und seien Sie gut: schreiben Sie mir oft, über alle Ihre und Shaws Sachen, von denen Sie ja wissen, wie wichtig sie mir sind, und über alles, was in Berlin vorgeht. Und gelegentlich, nicht wahr, vergessen Sie mir nicht, mit der Sorma zu sprechen, wegen des »Star« aber entschieden: Ja oder Nein, sodass ich weiss, woran ich bin, (nicht wie bei Reinhardt, der mir sagte, sie wolle, während sie dann schrieb, sie habe keine Zeit, das Buch zu lesen – was eine dumme Ausrede ist, da es sich doch um ein Stück handelt, das in Wien und zwei Mal in Berlin und in ganz Holland und in ganz Russland (ich komme mir, indem ich dies schreibe, beinahe wie der Lothar und der Star schon wie der Harlekin vor!) Erfolg gehabt hat). Nicht wahr, Sie tun das für mich, ich quäle sonst Niemanden mit meinen Sachen, aber ich brauche jetzt hier ein unsinniges Geld und verdiene doch, da ich hier gar nichts, aber gar nichts arbeiten kann, (einen solchen Brief zu schreiben strengt mich so an, dass ich für einen ganzen Tag völlig erschöpft bin)1, jetzt sehr viel weniger als sonst, weshalb mir dieser Abschluss mit der Sorma unendlich wichtig wäre. Und Sie haben so viel für den englischen Hermann Bahr getan, dass Sie schon auch einmal für den deutschen Bernard Shaw 1 was tun können. –

Kennen Sie übrigens Direktor Löwenfeld oder können Sie sich einen guten Weg zu ihm verschaffen? Ich möchte nämlich, dass ihn jemand bestimme, die »Wienerinnen« ins Schillertheater zu nehmen, dessen Publikum von ihnen sicherlich entzückt sein würde (was mir nicht bloss dieser Tantiemen wegen angenehm wäre, sondern auch, weil das Stück dann in der Provinz wieder aufleben würde.)

Mir geht es nicht besser, nicht schlechter, der Arzt sagt: nur Geduld, und man elektrisiert und massiert und »vibriert« mich, obs was nützen wird, ob ich wenigstens für ein paar Monate noch einmal aufgepulvert werde, um doch vielleicht noch irgend was Hübsches machen zu können? Di doman non c’è certezza 2, hat der Lorenzo von Medici gesagt.

Grüssen Sie mir Reinhardt, den unglaublichen Kahane, der mir wieder seit vier Wochen einen dringenden Brief schuldig ist, Brahm, Fischer, Bie, Dr. Elias und sagen Sie allen, wie schlecht es um den steht, der einst war

Ihr
Hermann Bahr

Wann ist Schnitzlers Première? Kann ich schon das Buch haben? Und schicken Sie mir die wichtigsten Kritiken vom Schlachtenlenker, Candida und dem einsamen Weg! Und kommen Sie bestimmt! Und schreiben Sie bald!

War » Zapfenstreich 3« in Wien ein Erfolg?

  „   » Novella Andrea 4« „ Berlin?

Bahr, Hermann Marbach am Bodensee 26. 1. 1904
  • A Wien Theatermuseum HS AM 77305/2 Ba

    ms. Abschrift, 1 Bl., 2 S. Original nicht nachgewiesen

1 )Öffnende in schließende Klammer korrigiert.
2 englischen Hermann Bahr getan, dass Sie schon auch einmal für den deutschen Bernard Shaw Das formuliert er auch öffentlich, vgl. Hermann Bahr: Candida. Komödie in drei Akten von Bernard Shaw, deutsch von Siegfried Trebitsch. Zum ersten Mal aufgeführt im Deutschen Volkstheater am 8. Oktober 1904 . In: Neues Wiener Tagblatt, Jg. 38, Nr. 280, 9. 10. 1904, S. 9–10, hier: S. 9: »Wenn es nämlich wahr ist, was man mir immer sagt, daß Sie der englische Hermann Bahr sind, ich aber der deutsche Bernard Shaw (ich weiß nicht, für wen das beleidigender ist) [.  .  . ]«.
3 Di doman non c’è certezza Canzona di Bacco: »Die Zukunft hat nichts Sicheres.« Bahr zitiert das auch im Selbstbildnis (S. 2–3), dort aber falsch zugeschrieben.