Arthur an Olga Schnitzler, 19. 9. 1919

Dr. Arthur Schnitzler, Wien XVIII Sternwartest 71.
Frau Olga Schnitzler

liebe, zuerst will ich dir deine mediz. Fragen beantworten – zu größerer Sicherheit hab ich eben den Mediz.Rath telef. gefragt: also rohes Obst lieber nicht mit den Tropfen zugleich; – höchstens ein Pfirsich oder weiche Birne; Compot natürlich soviel’s beliebt. Aussetzen der Tropfen nicht notwendig. – Was du mir von der Mildenburg erzählst, war mir sehr interessant, und ich bin schon sehr gespannt, was sie zu deinem Gesang äußern wird. Ob sie auch in deinem Concert war? –

Gestern war ich nach langer Zeit wieder einmal bei Popper. Er hat Verlegeraerger1 und leidet unter der Epoche mehr als je. Das bolschewistische Säuglingspack kommt noch immer schaarenweise und er ist nach wie vor entsetzt über das Maß von Bildungsmangel, Unlogik und Bösheit in diesen jugendlichen Schädeln. Doch entschließt er sich nicht zu oeffentlicher Abwehr; – er traut sich die schriftstellerische Leistungsfähigkeit nicht mehr zu; – seit ¾ Jahren fühlt er, der Zweiachtzigjährige, sich alt werden.– –

Zu Himbeerwasser und Bäckerei fanden sich Nachmittag Fritz u Trude Z. ein, – Hofrätin ist in Turin jedenfalls schon eingetroffen. Um 6 erschien Fried; er und Salten nachtmahlten bei mir; – nachher kamen Leo, Frau Lorle Tressler (nach telef. Verständg zwischen ihr und S.) – und Unruh. (Frau E. hatte erfahren, dss S. bei mir nachtmahlt.) U. war früh, nach 5tägiger Reise eingetroffen; – sah sehr »Wandersmann« aus; – gebräunt, massig, touristisch angethan; höchst durchgearbeitetes Gesicht, wie nach dem Marmor verlangend, kaum mehr jünglingshaft, fast hart, gehetzt aber beherrscht; – in der Gesamterscheinung einleuchtend aber nicht einfach erfreulich. Sehr erfüllt von Arbeit, aus der er kommt und in die er geht; – seine Gefühle von Sendung und von Carrière ×××××××××××××××××××× 2 durcheinandergewirrt und stetig wach. Frau Tr. goß sich auf ein Streckfauteul2 (die Scene spielt auf der Veranda) und war bildschön; er (seinerseits) tritt täglich in einem Varieté auf, wohnt daher im Bristol – und nicht im Cottage (wo vor ein paar Tagen kurz nach zehn ein Arzt3 ×××××××××× 4 auf der Straße (irgendwo in unsrer Nähe, erzählt Leo) beraubt wurde. Die Dunkelheit in unsrer Gegend ist übrigens wirklich unwahrscheinlich) –

Heute Vormittag General Probe. Vor dem Theater Julius Bauer und Ehepaar E. Bauer war aus Ischl per Auto hergefahren, mit irgd einem Großindustriellen. (Kosten einer solchen Fahrt zehntausend Kronen.) Frau E. nahm mich auf die Seite – Unruh habe ihr erzählt – S. sei gestern Abend bei mir sonderbar kühl zu ihm gewesen! – ich erklärte, er habe seine Wärme für Frau Lorle verwenden müssen; – aber das beruhigte Frau E. noch nicht – denn auch Marco Brociner, man denke, habe sich über »die Tragoedie« nicht durchaus zustimmend an aus gesprochen .  .  .  u. s. w. – Auf deinem Platz saß Frau Alma, war also meine Nachbarin; der Kleinen gehts schon recht gut – sie werden nun eine Weile in der Elisabethstraße wohnen – ganz ohne Bedienung; Alma selbst wird das Essen aus dem Gasthaus holen (?) – Dann wieder auf den Kreuzberg , und ich solle zu ihr kommen. Worauf der Vorhang aufging. – Außer der Bleibtreu mäßige oder schwache Darstellung. Schott anfangs sehr gut, dann eintönig; der kleine Thimig unmöglich, fast lächerlich; die Mayen gut sprechend aber in ihren blutschänderischen Gelüsten nicht glaubwürdig oder wenigstens nicht appetitlich genug. – In der Inscenirung manches gute, manches gar zu absichtsvoll einerseits im stilisirten anderseits im realistischen. Daß diese Tragödie von einem Hauch von Größe umweht wird – ist zweifellos – als Kunstwerk ist sie nicht wohlgerathen: keine Klarheit der Linie, viel Praetension, mancher hysterische Zug. Die Vision fast immer schon oder bedeutend; das gedankliche ××××××× oft nebelhaft und wirr der Ausdruck, der Vers zuweilen mehr künstlich gesteigert als von Seelenkraft gehoben. – Ich sprach nachher niemanden als den Grafen Mensdorff; – da ich gleich von den E.s beschlagnahmt wurde;– Unruh war unsichtbar und blieb es –; ich machte aus meinen Bedenken insbesondre wegen der Aufführung kein Hehl, betonte natürlich sehr, was man auch in aller Aufrichtigkeit thun darf – das Eigenartige und atmosphärisch bedeutungsvolle d arin es St ücks – das ja vielleicht, in Verbindg mit den zwei nächsten dazugehörigen eine Komoedie u einem Schauspiel sich dem Verständnis besser erschließen wird.

am 20. 9. morgens.

Daß von morgen an hier die Elektrische nicht verkehrt, hast du wohl gelesen; man nimmt zwar an, diese Calamität werde nicht allzulange dauern, – aber der Auftakt für die »Saison« ist symptomatisch. Auch geschäftlich läßt sie sich nichts weniger als hoffnungsvoll an.  .  Wucki behauptet, dir schon vor Wochen ausführlich geschrieben zu haben. Sie schrieb dir eben wieder. Heute Abend Mahler Neunte. Nach drei wunderbaren fast wolkenlosen Wochen regnet es zum ersten Ma hl l . – Ich lege bei, was indeß für dich angelangt. Im nächsten Brief erfahr ich wohl genaueres über deine weitern Pläne. Die Kinder küssen dich. Sie befinden sich vortrefflich. (Heini war gestern auch in der Generalprobe; (– Sitz von Nemec) nachdem er schon ein paar Proben vom Schnürboden aus gesehen.) Leb wohl und laß es die weiter gut ergehn.Herzlichst

Arthur
Schnitzler, Arthur Wien 19. 9. 1919
Schnitzler, Olga Salzburg
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.1847

    eh. Brief, 3 Bl., 5 S., mit Kuvert, Lateinschrift

1 Verlegeraerger Carl Reissner, damals geführt von Erwin Kurtz, war der zentrale Verlag Poppers bis 1920.
2 Halbe Zeile durch Streichung unkenntlich gemacht.
3 fauteulVon Schnitzler zeitlebens benutzte Schreibweise von Fauteuil.
4 ArztNicht ermittelt.
5 Drittelzeile durch Streichung unkenntlich gemacht.