Olga an Arthur Schnitzler, 21. 11. 1905

Mon fils, eben kam Dein Brief, endlich! – also gestern: ich zu meinem Sitz1, wer ist an meiner Linken? Hans Schlesinger, daneben seine Mutter,– als Dritte im Bunde Gerty. Die Überraschung war groß; in der 2. Reihe Richard und Paula. Bahr natürlich, aber ganz wo anders. Die Vorstellung wunderschön. Die Mildenburg viel unmittelbarer als die Lehmann, spricht die Prosa ergreifend, singt manches wunderschön, manches aber sehr schlecht. »Töt erst sein Weib«, das H ein herausgestoßener, wüster Schrei, viele Stellen in der Höhe angestrengt und zu tief, – ja, es ist ein Kummer, nicht einmal die großen Sängerinnen können singen! Und wenn ihr so was passiert, singt sie sogar ruhig weiter, macht sich nichts draus, und sie hörts doch! wenn das mir passierte, ich glaube ich wäre vernichtet. Die große Arie »die Liebe wirds erreichen« hat von der »kalten, reflectierenden« Lehmann viel besser auf mich gewirkt. Sie ist doch so sicher, bei der M. hatte ich Angst. Es gibt nur Können! Ach, arbeiten: Ich hab wieder Mut.– Ausgezeichnet die Forst als Marcelline. Schöne Stimme und sicheres Können, aber keine Persönlichkeit, allerdings brauchte sies gestern nicht. Hesch als Rocco, eine Pracht von Ton,– Reichtum, Üppigkeit. Weidemann,– Du weißt ja. Schmedes nicht so gut wie, noch früh, Winkelmann. Der Chor, alles gut. Aber über all dem: die 3te Ouverture. Nein, das ist nicht zu schildern. Beinahe zu schön, ein Übermass von Glück. Frl. Schl. sagte, so schön hätte sies noch nie gehört. Es wurde aber auch getobt nachher. – Nach der Vorstellung hat mich Fr. S. eingeladen bei ihr zu nachtmahlen, auch B.-Hf’s seien bei ihr. Ich dankte natürlich und fuhr heimwärts. Ah nein.–

Molls in der Mahler-Loge, die wieder liebevoll heruntergrüßten. – War 10 zuhause, um 11 im Bett. Jetzt geh ich üben, und Nachmittag weiter. Essen bei Mama.

7hs. Abend

Eben erst nach Hause gekommen. Also: Vormittag noch gut und frisch geübt, dann weg, Mama abgeholt, zu Migotti, dem Buben Weihnachtskleidchen bestellen.

Daselbst ein alter Herr, der schon Dir und Julius am Burgring die Knabenkleider angemessen hat. Rührung Mamas, natürlich. Der Bub kriegt: einen russischen Knabenanzug aus dunkelgrünem Tuch, mit Goldknöpfen, einem grünen und einem weißen Ledergürtel, dazu der echte Irish -Kragen. Herrlich. Und aus demselben Tuch einen kurzen Paletot. Beides sehr teuer. Je 18 fl.–

Donnerstag Probe. Also: erwachsen. Dann zur Burgmusik. Ekelhaftes Gesindel. Heini bewundert die Soldaten. Schreit im Schweizerhof: »Schau, zwei schöne Offiziere und der eine salutiert.« Die beiden Burggensdarmen lachen. Endlich die Musik. Sie spielen entzückend. Erst die Volkshymne, dann » Faust 2«. Die Bläser von wirklicher Noblesse im Ton. Das ganze schwebt so in dem schönen Hof. Und Sonne und oben in den Kaiserzimmern die schönen rot-weißen Leibwachen mit blitzenden Hellebarden. Von oben her muss es schön sein. Nach Hause, – in der Stadt viel hübsche, gut gekleidete Menschen, auf der Löwelbastei eine herrliche Equipage mit einem blendend schönen Jüngling drin, schwarz, rein gewaschen, wunderbar sitzende Kleider, Schulterlinien, ein kindlich-sanfter, wohlerzogener Ausdruck in dem glatten Gesicht,– kein leerer Wahn, ich bleibe dabei.– Heini erzählt zuhause: Ich war beim großen Kaiser!

Bei Mama war’s sehr gemütlich – für Freitag hab ich – gelobt sei Kehlendorfer 3 – einen Sitz, 6. Reihe, zu »Cosi fan tutte«. Freu mich. Es komme nichts dazwischen! – Blieb bis halb fünf, Thee,– dann zu Morbergers, denen ich telephoniert hatte. Die Frau blass, Risa dicker und hübsch, Annie herb, aber nett. Da krieg ich erst recht eine Jause4 aufgetischt. Man ist entzückt, schwärmt für Julius, u. s. w. Man grüsst Dich sehr. Weg, nach Haus und da bin ich. Heut wird noch geübt und Erl’s kommen herauf. Nachtmahl: Reisfleisch.

Nach dem Nachtmahl.

Der Sohn hat mit mir genachtmahlt: »Ich sitz an Vatter seinem Platz«, Erls haben zugeschaut, von den Proben5 erzählt, Bahr sei so grob mit der Ritscher. Bald weg, ich geübt. Nicht gut, mit vollem Magen kann man nicht in die Höhe. Aber die Stimme ist wirklich hübsch und weich. Ich werde den Walter bitten, mich mehr in der Mittellage singen zu lassen, nicht so sehr hohe Sachen. Für einstweilen. – Morgen soll ich bei Mama essen, um 4 Stunde. Jetzt geh ich in’s Bett, es ist erst halb elf, aber ich pfleg mich, »wie ein Schweindl«. Sonst gehen wir zu spät schlafen. Man muss unbedingt vor 11 im Bett sein. Heut bin ich auch anständigerweise vor ¾ 9 von selbst und ganz munter erwacht und hab gleich um Frühstück geläutet. Ja, es ist Dein Einfluss, der mich so verlottert, die Anlagen wären sonst gut! Mein Schatz, mein guter. Adieu, Du sollst mich sehr lieb haben. Heut in 8 Tagen, um die Zeit, bist Du hoffentlich da. Acht Tage sind aber sehr lang, mitunter. Kuss, aber einen schönen!

O.

Auf Bassermann bin ich nicht eifersüchtig.

Schnitzler, Olga Wien 21. 11. 1905
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4546

    eh. Brief, 4 Bl., 8 S.; von unbekannter Hand am 1. Bl.: » Fidelio unter Mahler Jubiläums-Vorstellung nach 100 Jahren«.

1 meinem Sitz Fidelio in der Hofoper, mit Anna von Mildenburg.
3 Kehlendorfer Kartenbüro.
4 JauseZwischenmahlzeit am Nachmittag.
5 ProbenZur Inszenierung von Bahrs Die Andere am Deutschen Volkstheater, Helene Ritscher als Lida Lind.