Olga an Arthur Schnitzler, 29. 8. 1919

7 Uhr früh.

Liebes, eben bin ich erwacht, es ist herrlich draussen, der Blick von meinen Fenstern in den Mirabellgarten ist wunderschön, – nun will ich dir von gestern erzälen.

Gleich morgens hab ich Gretl K. besucht, die nur durch ein Zimmer getrennt, neben mir wohnt, sie liegt zu Bett, selig über ihre neue Liebe, ein Packet von Liebesbriefen neben sich, die sie mir stellenweise vorlas, – wirklich schöne Dinge sagt ihr dieser Gütersloh. Er kommt Samstag her, – sie werden bald heiraten, – in München leben.

Dann ins »Landesbildungsamt«, – das am andern Ende des Ganges ist, – Paul Prechner 24 Jahre alt, Freund von Lili und Gerty, – ich wurde mit grossen Ehren empfangen! Er erzälte mir gleich sehr offen und sehr lieb von seinen Plänen, seinen Schwierigkeiten, – kein Geld, antisemitische Angriffe, natürlich, – wir kamen gleich in ein sehr gutes Gespräch voll Sympathie. Von ihm hängen hier die Aufenthaltsbewilligungen ab,– ich kann nicht verhehlen, dass es mir woltat, so einen jungen, idealistischen, frischen und hellen Menschen in einer entscheidenden Position zu sehen, – a ls n Stelle eines vergrautelten alten Bureaukraten.

Er schlug mir gleich 2 Abende hier vor, am Dienstag d. 16. und Freitag d. 19. Aug. – im kleinen, sog. Wiener Saal des Mozarteums, erst ein rechtes leichtes Volkslieder-Programm, ich werde wol Schumann, Schubert, Brahms-Volkslieder singen, – und als 2. Programm meine deutschen Programm, das ich ja hier ausprobieren will, was ich ihm offen sagte. Er will auch ev. ein Concert in Hallein geben. Das war alles im Handumdrehen gemacht! und kostet gar nix. (Paumgartner hat mir hier einen glänzenden Ruf gemacht, – hör ich von allen Seiten. Den liebt hier alle Welt, – er kommt in wenigen Tagen.)

Dann ging ich in’s Mozarteum zu Fr. Sedlitzky, die Lili Lehmann hielt eben Curs, und eine schöne hohe Sopranstimme sang mit aller Kraft (mit zuviel Kraft, schien mir’s= eine Arie. Sedlitzky ebenfalls sehr liebenswürdig, ich kann von heute an im Mozarteum üben, u. 7. im grossen Concertsaal einstweilen – am 31. hören die Lehmann-Stunden, die das ganze Haus erfüllen, auf, da hab ich dann die Schulzimmer frei. Herrlich! nicht? heut um 10 Uhr fang ich an.

Harta hab ich noch getroffen, aber Grosz erzälte mir schon, dass er im Wassermann einen modernen Abend mit DebussyRavel etc. machen will. Das wären also 4 Concerte, ohne den von Paumgartner projectierten Schüler-Abend.

Im Mirabell gegessen, köstlich, Schweinsbraten mit gutem Kraut, ausgedünstete Nudel, wie im Frieden, 26 Kronen gebraucht,– Baumeister Sikora kam, setzte sich an meinen Tisch, er war über den Tag hier,– die Annie ist leider schon weg,– aber am 1. Jänner wird Strial hier Theaterdirector! Metzl, Otti’s Bruder.– Salten kommt heute hieher,– Frau v. Sonnenthal hatt ich auch schon gesprochen am Abend meiner Ankunft aus der Aschau Anruf von Margit, bei Stefan Zweig mich telef. gemeldet,– er war in Berchtesgaaden , seine Frau sehr nett. Bei Bahrs melde ich mich heute, will die Mildenburg bitten, bei ihren Cursen zugegen sein zu dürfen, sie hält sie zuhause ab.

Nachm. durch die wundervolle sommerliche, ganz italienisch anmutende Stadt, der Obstmarkt mit köstlichen Trauben und Birnen! – Auf die Festung, besonders klarer Blick, ich ging in die Camera obscura, – (Erinnerung an Kopenhagen ,) dann wirklichen Kaffee getrunken, nachhause, an Unruh geschrieben, gefaullenzt, genäht, langer Tratsch vor dem Nachtmal an Gretels Bett, sie hatte mir am Tag vorher einen Brief geschrieben. Bitte schick mir alle meine Briefe, – der von Firnberg ist mir besonders wichtig. Nachtmal hier im Hotel, anständiges Menü um 16 Kronen, Suppe, Lammsbraten und Spinat und Kartoffeln, Apfelschnitten. Auf dem Pöstlingberg kostete ein gutes Rindfleisch mit Kohl 4 Kronen!

Sikora’s lassen ihre Wien er Wohnung auf, haben wegen Heizmaterial nicht die geringste Sorge und bleiben in St. Gilgen , – eine ganze Anzal von Leuten hat sich dort zuständig erklären lassen und verbringen den Winter dort.

Nun leb wol, mein Liebes, jetzt bestell ich mir mein Frühstück, Thee Eier, Butter, (Portion, sehr gross, 3 Kronen) dann anziehen, nach der Kranken Gretel sehen, – und an die Arbeit!

Heut rede ich mit dem Hotel-Director, er muss mir Preise machen. Das Zimmer zu 14 Kronen ist für hiesige Begriffe teuer. Die Gretel zahlt für das ihre mit Bad, allerdings läuft kein warmes Wasser, – 18 Kronen, – per Mahlzeit 12 Kronen! Ich will hier sparen.

Bitte, schreib mir, wie’s dir geht, – ich könnte hier sehr ruhig sein, wenn ich wüsste, dass Du wieder in’s Arbeiten kommst. – Prechner sprach mit so viel Liebe von dir, – ich erzälte ihm von deiner Medardus-Vorlesung im Volksheim. Das möcht er hier auch haben!

Leb wol, küss die Kinder tausendmal.
InnigstDein O.
Schnitzler, Olga Salzburg 29. 8. 1919
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4547

    eh. Brief, 3 Bl., 6 S., Lateinschrift.