Olga an Arthur Schnitzler, 30. 8. 1919

Mein Liebes, seit gestern eine Menge erlebt: also erst mit Zweig hinauf in sein wirklich schönes, hauptsächlich herrlich gelegenes altes Haus,– er hat kaum etwas richten lassen, weil er ja überhaupt in übertriebener Weise hier den armen, besitzlosen Mann spielt. Aber diese schönen Räume! vor allem die Terassen ganz gegen Süden gelegen, mit Blicken, dass man jauchzen möchte. Das ganze hat er, mit vielen hübschen alten Möbeln, von D r Kranz um 90.000 Kr. gekauft! Er war,– wie seine Frau – sehr, sehr lieb, schwärmte von Bahr,– er will mich nächste Woche zum Spazierengehen abholen. Erzälte mir von der Lehmann, er sei neulich in einer Stunde gewesen, er werde mir Eintritt verschaffen, u. z. durch Frau L. Andro, die die berufmässige Vergötterin der Lehmann ist, und alle deprimierten Schülerinnen seelisch aufrichtet. Die Lehmann ist nämlich berühmt streng.

Kaum bin ich wieder im Hotel, lässt sich Frau Andro-Rie bei mir melden, – es ist geradezu putzig, wie lauffeuervoll diese Stadt ist! ich ging mit ihr in einem Fachsimpelgespräch gegen die Stadt zu, da sprach mich eine Dame mit grosser Herzlichkeit an, meine alte Schulfreundin Mizi Fechner. Trennte mich von Frau Andro, führte Mizi ihren Sohn auf den Petersfriedhof, sie ist leider eine recht gewöhnliche Dame geworden, aber lieb und hübsch. Nach Hause, in’s Foyer um zu nachtmalen, Harta u. Grosz kamen,– ausgezeichnetes Gespräch mit Harta, der sehr gescheidt und und weit herumgekommen ist. Freund von Schüleins. Nach dem Nachtmal gleich Gretel.

Heut früh holte mich Harta in’s Künstlerhaus, eine kleine Ausstellung von wirklichem Niveau, seine Bilder mir die liebsten, namentlich ein grosser farbiger Akt und eine köstlich bewegte Ansicht von Salzburg , auch eine hölzerne alte Madonna von einem leuchtend rosa Hintergrund. Er ist von Greco, von Van Gogh – beeinflusst,– aber ein Mensch von Verstand, von Rhytmus, von Kultur, dann noch Bilder von Faistauer (nicht alle!) und 3 Bilder von Schülein, nervös, fahrig, – aber Niveau.

Prachtvolle Zeichnungen von Schiele, enorm reizvolle kleine Aquarelle von Gütersloh. Im Regen zurück, direct ins Mozarteum in die Stunde der Lehmann, – das Ceremoniell ist, – hereinkommen, nicht grüssen, sich still hinsetzen. Das tat ich, sie sah, trotz ihrer intensiven Aufmerksamkeit beim Unterricht ein paar Mal interessiert herüber, – was sie selbst stimmlich zeigt, ist prachtvoll, – aber ihre Methode zu compliciert, zu sehr Geheimwissenschaft. Ich hörte leider keine gute Schülerin, um ½ 1 war der Curs aus. Mit Gretel gegessen, geschlafen, wieder Mozarteum, zu einer, nein! der Vorbereiterin und Freundin der Lehmann, eine sonderbare, lange hagere Amerikanerin , sie sieht aus, wie ein fanatischer Mönch. Sie studierte mit Frau Gerstmann, einer bekannten Concertsängerin, – empfing mich mit grosser Güte. Sie hat mir in ihrem Fanatismus fabelhaft gefallen, – aber Steiner lehrt das alles viel einfacher und selbstverständlicher. Sie erklärte mir allerhand Technisches, erfreut über mein rasches Verstehen, – und lud mich ein wiederzukommen. Marie Lehmann trat ein, der ich vorgestellt wurde.

Dann mit Grosz köstlich studiert, diesmal in einem kleinen Zimmer, – im grossen Saal war Probe, – ich freute mich diebisch, dass ich das alles ohne Qual machte, was die drüben so sauer erlernen, (oder auch nicht erlernen!) die zweite Gruppe fürs erste Concert fertig gemacht. MahlerStrauss, dann das herrliche Ravel-Lied studiert, – sag dem Heini dass ich die schwere hohe Stelle schon kann!

Zurück, es regnet den ganzen Tag in Strömen! jetzt zieh ich mich gleich an und geh mit Frau Andro in’s Theater zu Lumpacivagabundus, Wohltätigkeits- und Arbeiter-Vorstellung, vom Landesbildungs-Amt arrangiert.

Leb wol, ich kenn schon so manche Sängerinde von hier, Schülerinnen, es singt hier an allen Ecken – ich bin so froh in dieser Atmosphäre von Arbeit, Arbeit, Sachlichkeit.

Küss die Kinder tausendmal!
InnigstDein O.

Jemand, ein Kunstjunge, bittet dich um ein Autogramm, – sei lieb und schick mir eins, ja?

Der liebe Paumgartner hat auch bei Zweig in hohen Tönen von mir erzählt.1

Alle Leute jammern, dass die Bertel nicht gekommen ist!1

Schnitzler, Olga Salzburg 30. 8. 1919
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4547

    eh. Brief, 2 Bl., 3 S., Lateinschrift.