Olga an Arthur Schnitzler, 7. 9. 1919

Mein Liebes, ein strahlend herrlicher Tag, und ich muss trotzdem zu Bett liegen, im Mirabellgarten concertiert eine Volkswehrkapelle und mir geht es sehr gut. Lass Dir erzälen, ich habe wieder sehr viel erlebt.

Vorgestern also, wie Du weisst, Einsamkeit und Melancholie und Kopfweh. Vom Nachtmal weg holten mit Paumgartner, Grosz und ein D r Unger,– Sänger, ein etwas steifer Mensch,– in das dunkle Mozarteum, wo G. u. P. sehr lustig auf 2 Klavieren spielten. Das machen sie nämlich entzückend, man sieht, sie sind musikalisch Verwandte. Sie greifen mit einer affenartigen Behendigkeit – E e ner des Andern Anregungen auf, und im Nu entstehen die schönsten Dinge. Paumgartner ist wirklich einer der erfreulichsten Menschen, heiter, unbeschwert, Behaglichkeit um sich verbreitend und verspielt wie ein Kind und ein echter Künstler,– und voll Talent. Um 10 zu Bett,– gestern spät erwacht, gut und weniger beschwert. weiss angezogen, im Mirabellgarten mit Frl. Iphigenie Zotos, einer jungen Griechin und Bianchi-Schülerin fachsimpelnd spazieren, auf Grosz wartend, der im Musikzimmer jeden Morgen an seiner Partitur arbeitet. In’s Mozarteum,– (die Lehmann-Weiber heulten entsetzlich durchs Haus,) den Paumgartner fragen, wo wir üben könnten. Er lud uns erst, lieb und reizend, in sein Beiratbureau ein, wo ein gutes Klavier steht,– das hab ich aber nicht angenommen, sein Secretär, der Dich nochmals um ein Autogramm bitten lässt, sperrte ein Schulzimmer für mich auf. Trotz physischer Schwere gut gesungen, Brahms. Zurück zum Essen in glücklicher, befreiter Stimmung, Harta sammt Frau, die wieder gesund ist. Sehr lieb und nett,– die Arme muss Basedow haben, sie assen, auch Grosz, an meinem Tisch, gleich nachher Paumgartner, und während ich mit Frau H. plaudere (sie fühlt sich hier sehr wol, möchte nie wieder nach Wien zurück, das Leben ist leichter und um die Hälfte billiger,– auch ihre Mutter, eine sehr reiche Frau (Möbelhändler Hermann) bleibt diesen Winter hier etc.) sassen die 3 Herren nebenan in den Clubfauteuils, und in 20 Minuten wurde beim schwarzen Cafée das »Collegium musicum« gegründet, das dem »Wassermann« angegliedert wird, »zur Pflege Untonischer und neuester Musik aller Nationen«,– flugs verfasste P. eine Programm-Notiz für die hiesigen und Wien er Zeitungen,– auch an die Hofrätin muss ich eine für die Allgem. Z. schicken, – mit Ankündigung des 1. Concerts »unter Mitwirkung etc. etc.« Ich hab mich köstlich amüsiert, wie die Drei dasassen und sich freuten – »es werde wie eine Bombe wirken.« Zweig kam mich besuchen, seine Frau hatte mich Tage vorher verfehlt, sie sei auf drei Tage nach Gross-Gmain , ob ich mit ihn nachtmalen wolle. Er gründete gleich mit, fragte charakteristischer Weise ob auch genug Christen dabei seien,– das lustige Gesicht vom Berndl hättest Du sehen müssen! – Der Zweig hat 2 Angstneurosen: die mit der Steuerbehörde und die mit dem Antisemitismus, – er versprach mir übrigens sofort, die Liedertexte für die Programme zu übersetzen. Besprechung für den Abend,– auf mein Zimmer. Um ½ 4 zu Harta, der mich bis 6 mit einer Verve und un einem Tempo gemalt hat,– na, ich sage nichts weiter, als bis das Bild fertig ist. Ich hätte magische Augen, die Augen, welche Kokoschka der Alma immer male, ohne dass sie sie hat. Nur Kokoschka oder er könnten mich malen, findet er. Ähnlichkeiten mit der Alma, mit Palma Vecchio! er möchte mich mit einem Dolch in der Hand malen,– was sagst Du! Ich war erheitert und erstaunt und erzälte ihm die Geschichte der Frau mit dem Dolch, die er nicht kannte. Gutes Gespräch, über Tolstoi, Buddha, dessen Reden ich lesen müsse (Übersetzung von Neumann) über seine Reisen in Frankreich und Spanien . Ich, ich vergass: beim Kommen lernt ich seine 5jährige Tochter Eva kennen, der ich Chocolade brachte. Herziges Mädel. Ich sprach von der meinigen, von ihren schönen Augen. Kein Mensch will mir Glauben, dass ich einen 17 jähr. Sohn habe. Während der Sitzung bekam ich leichte Schmerzen, um 6 mit Harta zu Fuss nach Morzg, das ist ein schönes Restaurant vor Hellbrunn, herrlicher Weg, in der wunderbarsten Abendbeleuchtung auf dem weiten Horizont. (Graf, aber es machte mir nichts.)

In Morzg Frau Harta, Zweig, Grosz, an einem nahen Tisch die Lehmann mit ihren Weibern, sie sah herrlich schön aus, und guckte mich aufmerksam und lieb an, die alte Amerikanerin begrüsste mich fast zärtlich. Köstlich genachtmalt, als Gast von Zweig, gut getratscht, mit der Bahn zurück,– hier in der Halle Berndl und Frl. Zotos, mit ihnen und Zweig, köstliche Birnen essend, in’s Mozarteum, wieder Concert auf 2 Clavieren, noch viel schöner wie am 1. Abend,– jammerschade, dass man so manches nicht festhalten konnte. Wieder um 10 herauf, die andern blieben noch beisammen, – ich hatte aber genug geleister.

Denke nur, Zweig hat gestern flüchtig Beer-Hofmanns mit Rheinhardt hier getroffen, sie waren auf einen Tag hier, wie schade, dass ich ihnen nicht begegnet bin, Else Heims sah ich gestern in der Bahn beim Heimfahren, sie war schön in einem Dirndl-Costüm mit ihren 2 schönen Buben, der kleine sehr müde, und sie sehr zärtlich mit ihm. Lene Thimig war mit R. bis vor kurzem hier, erzält man mir, und fuhr weg, als Heims kam. R. hab ich noch nicht gesehen.

Von Lili Feiks ein Telegramm, sie kommt heut auf der Durchreise in’s Bristol, vom Bácsi ein Brief, ich solle doch in die Aschau kommen,– und ob ich keinen »erstklassigen« Correpetitor für seine deutsche Concert-Tournée wüsste, – das geht auf Grosz, dem ich zurede, mit Steiner zu fahren, falls er ihn gut bezalt. Paumgartner sagt monatlich 3000 Mark und die Reise,– sond sei componieren gescheiter.

Ja, jetzt hab ich Dir aber alles erzält. Mir machen die Menschen hier Freude, sie sind so viel unbeschwerter und unverbrauchter und absolut viel lebenslustiger als wir in der grossen öden Stadt, wo man vom blossen Sorgen um das Alltägliche so aufgerieben wird. Sie sagen auch alle, dass sie hier um so viel gesammelter arbeiten können. Die Mildenburg sah ich gestern von der Bahn kommen1, sie und der Bahr, von dem mir Harta gestern sprach, fehlen mir noch in diesem Bild.

Mein Liebes, wenn ich bei Stimme bin, gehts mir gut, die alte Geschichte, Harta will das Porträt »Bildnis einer Sängerin« nennen.

Nun leb wol für heut. Wüsst ich nur, ob Du in Wien oder in R. bist. Wo immer, lass es Dir gut gehen, schreib und denk freundlich an mich.

InnigstDein O.
Schnitzler, Olga Salzburg 7. 9. 1919
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4547

    eh. Brief, 3 Bl., 6 S., Lateinschrift.

1 Bahn kommenAus München .