Olga an Arthur Schnitzler, 13. 9. 1919

Zuerst, Liebes, gratulier ich dir und mir feierlichst zum 10. Geburtstag unserer Tochter, – ich denk heute besonders zu Euch hin, hoffentlich ist das Kind in guter Geburtstagsstimmung. Schreib mir, wie Ihr den Tag gefeiert habt. Ich hätte ihr am liebsten eine schöne farbige Zeichnung von Harta geschenkt, – Ährenleserinnen, – es ist ein mit einfachen Mitteln gezeichnetes Blatt, das so eine schöne Sommerstimmung wiedergibt, – aber ich denke, sie hat in meinem Namen einen Holzbau Laubsägekasten gekriegt, nicht? Jedenfalls bring ich ihr noch was mit.

Ich habe dir noch zu erzälen, wie schön und heiter der Tag mit Salten war. Der Kartenbrief vom Abend an dich war ja blödsinnig, aber wir hatten so gelacht, – ich, wie schon lange nicht. Salten wird dir ja erzälen. Als ich am nächsten Morgen meine Thür öffnete, lag auf der Schwelle ein Päckchen von ihm mit ein paar lieben Worten, in Päckchen eine schöne Fayence – Madonna von der Spannring, einer guten Keramikerin, die hier lebt, und die wir besucht hatten, als sie gerade, in Hosen und vermummt in ihrem Ofen sass und Formen zum Brennen hineintat.

Am nächsten Morgen, also vorgestern, mit Grosz in kleinen Saal sehr intensiv gearbeitet. Mittags kam Aranyi, gleichzeitig ein Brief von Lili und Gerty, – Lili hat Gottseidank ihre Verlobung mit Dr Maier gelöst, es scheint, sie ist in Aranyi verliebt. Gerty beschwört mich, zu kommen.

Abends Probe bei Paumgartner, César-Franck-Sonate, – ich hab dem P. nur musikalisch die Ravel Lieder vormarkiert, noch müde vom Vormittag. Seine Wohnung ein Kapitel für sich, in einem tadellos cultivierten, nach deutlichem Muster gebauten Haus, – schon das Stiegenhaus entzückend, mit alten Bildern,– es gehört einem Herrn Levi, – ein urgemütliches Arbeitszimmer, herrliche alte Heiligenfiguren, eine fabelhafte farbige Aktzeichnung von Schiele, die P. um 60 Kr! gekauft hat, – dieser Schiele wäre ein grosser Maler geworden.

Und zum Schluss, die Wohnung aus Diele (Speisezimmer,) und 4 Wohnzimmern, sammt Centralheizung, kostet jährlich 2000 Kronen!

Gestern ein sehr heisser Tag, müde erwacht,– ich sollte Nach. bei Zweig vor mehreren Leuten singen, – ein Absagebrief, das ältere Mäderl liege mit Fieber, wahrscheinlich Masern, – die Mutter mit der Kleineren in Grossgmain , etc. – ich traf ihn später, es ginge dem Kind vorläufig ganz gut. Heute soll ich ja mit ihm und Unruh beisammen sein.

Ich fuhr zu Mittag nach Morzg, dort fleischlos aber gut in dem schönen Garten gegessen, bei einer alten Bäuerin 4 Kukuruz1 gekauft, zurück, Bahr im Zug, vom Untersberg kommend – er sieht wahrhaft herrlich aus, »der Alte vom Berge« – voll, blühend, wie ein Herr aus der Bibel,– aber er äusserte doch lustige und nichtswürdige Dinge,– war sehr nett. Seiner Frau ist auf der München er Reise ein Koffer gestohlen worden. Sie telefonierte mir heute, sie werde sich sehr freuen, wenn ich Montag2 Nachm. zum Curs käme.

Zuhause hingelegt, gegen 7 kam Frl. Zotos, die sehr lieb und klug und nett ist,– unten Harta, mit dem ich bald nachtmalte,– Frl. Z. blieb bei mir,– Grosz und der ganz gebrochene arme Prechner,– wenn dieser Brief bei Dir ist, wirst Du ihn ja schon gesprochen haben. Prechner hat sicher Dummheiten gemacht, aus lauter Schusselei, aber er ist ein ordentlicher Mensch mit den reinsten Absichten, und es ist ihm scheinbar übel mitgespielt worden. Er begann fast zu weinen, ich tröstete ihn, so gut ich konnte,– dafür hab ich später eine grosse Liebeserklärung von Frl. Z. bekommen,– Pr. tat mir so leid. Auch ein Fresspäckchen für die Reise gab ich ihm mit. Er wird wol jetzt die schwerste Krise seines Lebens durchmachen. Zu Dir schickt ich ihn, weil ich sicher bin, dass er Dir gefallen wird, und dass Du gut und tröstlich auf den armen Kerl wirken wirst.–

Ja, aber mit all dem fand ich mein Concert höchst gefährdet. Dienstag sollt es sein,– noch keine Ankündigung,– die neuen Herren im Landesb.-Amt mir höchst fremd,– kurz, ich ging dann mit Frl. Z. und Grosz zu Paumgartner, dortselbst zwei Componisten und eine Pianistin, ich trug P. meine Bedenken vor, der natürlich sofort intervenieren will,– wirklich, ein besonders lieber Mensch,– hörte noch eine dilettantische Ouverture vorspielen und ging mit Frl. Z. in die ’s Hotel zurück gutes Gespräch und Gefrorenes in der Halle. Eine weibliche Oase in dieser Wüstenei von Männern. Früh zu Bett. Heut Vormittag in’s Mozarteum, zu P. Musste ein bissel auf ihn warten, und hörte auf dem Gang mit Frl. Z. einer Stunde der Mildenburg bei der Lehmann zu. Arthur! so was Tragisches! sie sang die grosse Scala, fast jeder Ton falsch, zu tief,– die alte Lili besserte ihr köstlich aus,– da steht nun diese 50jährige, geniale Frau wie ein Schulmädel und lernt Tonbildung. – Wie ich diese heilige Besessenheit verehre,– das gibt es nur beim Singen, ich weiss nicht, warum gerade dies die Menschen so behext.

Dann mit Grosz und Frl. Z. in einen Probensaal Debussy und Ravel gesungen, sehr gut. Frl. Z. ehrlich entzückt von meiner Art zu sinden.– Die Lehmann-Schülerinnen heulen zu hören ist eine Sache für sich, – schrecklich. Ich würde in 8 Tagen die Stimme, den Schmalz, jeden Charme verlieren.

Zum Schluss Paumgartner, er hatte schon mit den neuen Herren im Landesb.-A gesprochen, – ich soll gar nichts tun, er wird alles besorgen,– am 19. ist also der Wassermann-Abend, am 21. Reichenhall , schon fix,– und erst nachher soll mein eigener Abend hier stattfinden, etwa am 25. Das ist eine Hinausschieberei! Grosz ist verzweifelt, er wollte am 20. in Wien sein, er hat dort zu tun. Ich will nun noch sehen, ob es sich doch nicht früher machen lässt, – aber so unverrichteter Dinge möchte ich doch von hier nicht weg,– ich muss meine Lieder für Frankf. München vorher auspropbiert haben, – sonst ist das dort ein schöner Nervenverbrauch.

Eben ein Brief der Hofrätin,– Unruh muss ein ziemlich unerträglicher Herr sein,– also wird er heut wol nicht angekommen sein. Umso besser! Mein Liebes, was denkst du? bitte sag es mir aufrichtig: soll ich ev. – wenn das Concert hier erst am 25. sein kann – jetzt gar nicht nach Wien kommen und auf die kurze Zeit zur Lisl gehen? Schau, der 16. ( Frankf. ) ist ganz knapp nach dem nächsten Grafen Honorar!,– ich würde ihn keinesfalls mehr in Wien abwarten können, wäre also zuhause zwischen 26. Sept.8. Oct.– Steht das dafür? Die Fahrerei, etc. – Meine Sachen hab ich mit, – ich würde nur den Grosz bitten, mir meinen Pelzmantel und mein neues graues Wintercostüm nach Frank. mitzunehmen, – und könnte mir einstweilen in 3 München er Tagen allerlei vorbereiten und dann eine Zeit bei der Lisl sein. Bitte sag mir, ob das nicht das Gescheiteste wäre. Schau, ich bin von hier in 3 Stunden in München , – und in Deutschland gehen die Schnellzüge wie sonst ohne Störung. Ich möchte mich jetzt so gern gesund und bei halbwegs guten Nerven erhalten, – es wäre mir so notwendig, – dass diese Concerte gut ausfallen.

Freilich,– das muss ich dir nicht erst sagen,– ist mir der Gedanke arg, von dir und den Kindern so lange weg zu sein, – aber sag mir selbst, ob diese wenigen Tage in Wien nicht mehr Unruhe bringen können, – bitte sag mir, wie du darüber denkst. –

Heute deine beiden Karten aus der Reichenau ; gestern das Geld von der B. C., – ich war schon sehr bettelarm gewesen.

Wie ich etwas Genaueres weiss, schreib ich dir!

Küss die Kinder, – an Heini schreib ich morgen! Innigst deine O.
Schnitzler, Olga Salzburg 13. 9. 1919
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4547

    eh. Brief, 3 Bl., 6 S., Lateinschrift.

1 KukuruzMaiskolben.
2 Montag 15. 9. 1919.