Olga an Arthur Schnitzler, 23. 9. 1919

Lieber, hier hast Du noch eine Kritik von dem gleichen Herrn Reinalter, der schon im Volksblatt schrieb. Das ist hier der erste gestrenge Kritiker, ein Wien er, – über mich schreibt er ganz richtig,– nur gegen Aranyi ist er zu streng, der war genau so wie ich durch die wahnsinnige Hitze und verbrauchte Luft gehindert, spielte aber doch ganz schön und hatte Beifall, ebenso wie ich. Ich wurde dreimal herausgerufen.

Über den kleinen 17jähr. Lausbuben, der in der »Wacht« schrieb, und mich am nächsten Tag tötlich verlegen und angstvoll, zu meiner Erheiterung, grüsste, werd ich Dir und Heini selbst erzälen.

Ja, aber das Unangenehme ist, dass seit einigen Tagen hier ein furchtbarer Wettersturz ist,– nach drückend heisser Zeit, eine so plötzliche Eiseskälte, der Schnee liegt bis auf 600 Meter herunter,– dass alle Welt verschnupft und ich heiser bin. Gestern Vorm. versuchte ich zu üben und musste es sein lassen, bin Nachm. nicht zur Mildenburg, sondern hab mir in meinem eisigen Zimmer alles Mögliche angezogen und mich in’s Bett gelegt. Das Zimmer ist jetzt eine trostlose Eisgrube, ich sitze eben mit 2 Jacken angetan in der Halle, wo’s doch ein bissel wärmer ist, weil ein Gaskamin brennt. Die wenigen Zimmer mit Öfen sind besetzt,– ich hab es immer gesagt,– so ein Haus mit Centralheizung ist eine herzlose Sache. Am 30. soll also mein Abend stattfinden, früher gehts leider nicht,– ich hoffe, dass ich bis dahin wieder unheiser und disponiert bin,– stell Dir meine Hyppochrondrie beiläufig vor. Heut ein klarer, kalter Tag, ich hab mich früh rasch angezogen und mich im Mirabellgarten in die köstliche Sonne gesetzt, in Morzg im geheizten Stübel gegessen, zu Fuss in der Sonne zurück, auf einer Bank bis 4 Sonne geschluckt,– ja, aber das Zimmer zuhause ist halt alleweil das gleiche.

Heut hätt ich bei der Mildenburg meine Lieder singen sollen,– ich sing vor Samstag–Sonntag1 keinen Ton! Ich war vielleicht zu fleissig.

Begegnungen mit Menschen: gestern Mittag in der Halle, nach meiner Besprechung mit Paumgartner, der noch zugegen war,– kommt Prechnerle daher, als ob nichts gewesen wär! Na Du glaubst es nicht, wie ich ihn, mit Groszens Hilfe, beschimpft hab,– auch wegen der Salten-Vorlesung,– er fing mit seinem Idealismus an,– da war’s ganz aus! Zum Schluss sagt ich ihm meine ganze Meinung à propos Volk und Kunst und Partei und Stagelgrün! und seinen Herrn Nachfolger, der es nicht einmal der Mühe wert findet, mir ein Wort der Entschuldigung zu sagen. Er will nun durchaus den Abend am 30. noch für seine Arbeiter haben, da hat er noch irgend ein Amt,– sowol ich als Grosz haben schroff abgewiesen,– Paumgartner macht den Abend für die Schülerlade des Mozarteums. Prechner will heut Abend nochmal mit mir sprechen.– aber es wird nichts dabei herauskommen. Er ist ein Hjalmar mit Deklamationsthema (en miniature) und lügt offenbar ein bischen.

Abends an meinem Tisch Herr Metzl, Frl. Zotos, Frl. Kowo,– brr! später Paumgartner u. Grosz ist das eine unheimliche Hex. Sie sprach recht ablehnend über Specht,– er hätte die Mildenburg »aus dem Sattel gehoben«, um selbst dram. Unterricht zu geben (?) als ich von seiner oft bezeugten Verehrung für die M. sprach,– sagte sie: »Ja, er hat verschiedene Gesichter.« Also, das mag ja wol sein,– aber ich hielt doch nicht mit. Das Frauenzimmer ist gescheit, ich versteh nur nicht, wie man sie ertragen kann.

Ich habe gestern offenbar eine besondere Stunde bei der M. versäumt, Bahr war zugegen, das brachte wol besondere Stimmung. Er soll sich gar nicht um seine Frau kümmern ihre grosses inneres Unglück damit abtun: »Ja, warum kannst Du Dich nicht bescheiden«, und im Übrigen ganz egocentrisch auf den Untersberg und in die Kirche gehen, als ein praktisch Unchristlicher – Das ist ja immer das Unheimliche: wie sich die einander Nächststehenden nicht um einander kümmern. –

Eben sprach ich hier mit dem Hotel-Director, der mir von den Heizcalamitäten erzälte, er wird im Winter vielleicht die Küche sperren müssen,– selbst wenn ich ein Zimmer mit Ofen bekäme, er könnte mir’s nicht heizen lassen,– Kohle im Schleichhandel auf 1 Kr. 40 das Kilo!– Ich werd aber ein ungeheiztes Südzimmer beziehen.

Heut keine Post, gesten Dein lieber Brief mit der Schilderung des aegrirlichen Unruh,– Du bist ein leuchtend woltuender Gegensatz zu dieser Art von Berühmtheiten, wir sprachen abends alle von Dir, Du wirst sehr verehrt,– und Paumgartner wünscht sich schon längst ein Bild von Dir. Bitte schick im eins, der verdient es. Er wollte früher immer den Herrn von Sala spielen,– dazu ist er aber viel zu weich und heiter und zu ausgesprichen unschnöd. – Die Ergas tut mir innig leid. Wie kann man einen harten Unmenschen lieben. Aber Du siehst, all das Getu hat geholfen, – die Kritik wäre von alleine nicht so gut worden. Jacobsohn scharf aber gescheit.

Mein Liebes,– alle Nachrichten aus Wien klingen beängstigend. Die Wucki, der ich nie glaube, dass sie mir vor 14 Tagen geschrieben hat, versichert mich, dass »ihr« Haserl goldig ist, schreibt mir aber nicht von Kohlen, Holz, etc., den wirklich brennendsten Fragen. Und nun will ich Dir etwas gestehen: dass ich mich sehr nach Euch sehne, und der Gedanke mit tottraurig macht, noch mehr als einen Monat von Euch fortzusein. Diese Reiserei wird mich auch nicht umbringen, hoff ich, – und so möcht ich noch Mittwoch d. 1. mit dem beschleunigten Zug nach Wien fahren, eine Zeit bei Euch sein und ev. am 10. od. 12. direct nach Frankfurt fahren, und dann anschliessend an München bei der Lisl sein, dort soll das Concert am 27. stattfinden. – Ist es Dir recht so? Ich freu mich so sehr bei dem Gedanken, Dich wiederzusehen, Arthur, trotz aller Qualen, die ich Dir,– wie Du mir bereiten musst,– Du bist mir unlösbar verbunden,– ich flehe Dich nur an, quäl mich nicht zu sehr, Du weisst nich, in welchem Zustand, reif für ein Sanatorium ich hier angelangt bin, wie locker mir auch jetzt immer die Thränen sitzen,– ich halte für alle Tage so lange für mich sehr aufregende Aussprachen. Ja, gewiss, ich fürchte mich ein bisschen vor diesen Dingen,– ich bin ihnen jetzt gar nicht gewachsen,– aber kommen will ich doch, ja?

Küss meine Kinder, sei innigst gegrüsst.
Deine O.

Hier gibts eine gute ital. Veilchenreife à 10.80, soll ich welche mitbringen?2

Schnitzler, Olga Salzburg 23. 9. 1919
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4547

    eh. Brief, 3 Bl., 6 S., Lateinschrift.

1 Samstag–Sonntag 27./28. 9. 1919.
2 Hier gibts eine gute ital. Veilchenreife à 10.80, soll ich welche mitbringen?Quer zum Text auf der ersten Seite.