Olga an Arthur Schnitzler, [20. 12. 1921]

Lieber, eben kommt Dein Telegramm, das mir das Kind erst für Freitag ankündigt,– ich hoffe, dass daran nicht ihre Erkältung schuld ist, sondern die schwer zu erlangenden Platzkarten.

Wenn der Heini über Sylvester da bleiben könnte, wär’s wunderschön.

Ich komme eben von einem Spaziergang mit Bahr,– gegen Maria-Plain an der Salzach entlang, unter einem herrlich farbenglühenden Himmel,– ich hab gebeten, ihm den Heini vorstellen zu dürfen und: »er wird sich freuen.« Er war wieder sehr lieb, lässt Dich herzlich grüssen, und möchte auch Dich gern einmal wiedersehen. Heut hab ich ihn fast ununterbrochen reden lassen,– viel über Theater, über Goethe, Stendhal, Hugo’s neues »Welttheater«, das sehr schön sein soll. Auch über Gelddinge, seine Lebensweise,– er isst seit 12 Jahren kein Fleisch mehr, geht abends meist vor 7 in’s Bett und liest bis 11 Uhr.

Seit vorgestern Abend ist die Lucy da, leider kann sie nur bis Freitag bleiben, wird also das Häschen grad noch an der Bahn erwischen. Sie ist recht müd, war daher auch nicht mit spazieren, und sehr, sehr lieb. Erpicht darauf, dass ich bald nach München übersiedle. Die Wohnungsfrage ist wieder eine Schwierigkeit,– aber ich möchte doch jetzt mit Energie suchen, um aus diesen Provisorien herauszukommen. Ich fange an, mich nach einem ruhig abgeschlossenen Heim, nach meinen Möbeln und nach Arbeit zu sehnen. Im Herzogpark wird viel gebaut, vielleicht hab ich Chance, zwei Zimmer zu bekommen.

Roessler hat in München von Dir erzält, Du sähest gut aus, seist sehr vergnügt und »überall zu sehen«. Auch Chapiro hat mir von Dir berichtet, Deinen Reiseplänen ( Berlin , Vorlesung in Prag ) und ich freue mich Deiner Geselligkeit und Agilität, die Dir sicher gut bekommen.

Jean Jacques berichtet sehr betrübt, er müsse im März aus seiner Wohnung raus, das ist jetzt wirklich eine Katastrophe, denn Hotels und Pensionen sind sehr teuer. Auch Frau Stoessler, deren Tochter eben hier ist (sie ist sonst im Pensionat der Anneliese in Partenkirchen ) möchte eventuell nach München übersiedeln, das wäre mir sehr sympathisch.

Es wird sich schon alles gestalten, ich hoffe, ohne all zu grossen Kraftaufwand. Lucy wundert sich über meine Ruhe äussern Dingen gegenüber, ××× denn ihr passt weder mein Zimmer, noch meine Hotel-Möbel,– lauter Dinge, die ich mit Gleichmut ertrage. In meinem grossen Hutkoffer befindet sich in verlegtem Zustand ein bezaubernder, selten schöner vergoldeter alter Holzluster, den ich mir hier vor 2 Monaten gekauft habe, den hoff ich bald wo aufzuhängen, als Mittelpunkt eines Zimmers, das wieder meine Physionomie tragen soll,– geb es Gott.

Leb wol, Lieber, ich wünsch Dir gute Feiertage, – ich freu mich unsagbar auf meine Kinder. Küss sie beide tausendmal.

Alles Herzlichste, O.
[hs. Jacobi, Lucy] Lieber verehrter Herr Doctor,

hier ist sonniger März, Olga ist frisch u. heiter wie immer, aber ich mag sie nicht gern hier wissen,– es wird auf die Dauer doch ein bissel öd in so einem kalten Hotelzimmer, – dagegen kommt keine innere Kraft auf. Mein Urlaub läuft am 23. ab,– – ich bin schon ein bissel traurig, dass ich sie nicht sammt dem Lillykind zu Weihnachten bei mir haben kann und wünsche sehnlichst, dass ihr das neue Jahr die Umgebung bringt, die für sie gehört.– Wann werden wir Sie wieder in München sehn? Lesen Sie nicht einmal wieder bei uns? Wie schön wär das! Kommen Sie! Kommen Sie recht bald!!

Indessen viele herzliche Grüße!
Ihre Lucy v. J.
Schnitzler, Olga Salzburg [20. 12. 1921]
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4548

    eh. Brief, 2 Bl., 4 S., Lateinschrift, mit Nachschrift von Lucy von Jacobi in Kurrent. Datum » 20/12 1921 « von A. S. ergänzt.