Olga an Arthur Schnitzler, 23. 2. 1923

Lieber, eben kommt Dein Brief,– ich dank Dir vielmals, dass Du so lieb bist, mir t d ie toile de Gênes schenken zu wollen. Lass S s ie nur in Wien , ich hole sie mir schon selbst. Aber sehr ermutigt es mich, dass Du die Bäder und das ganze Baden-Baden so abzulehnen scheinst, – und gerade nach dem verlangst, was es nicht hat: Meer und Höhe. Diese zwar kannst Du hier ganze nah, (eben die Bühler Höhe) wunderbar haben, – aber wirst Du’s denn wollen?! Sonnenschein, Lieber, gibts hier mehr als genug, es ist ein Land der Fruchtbarkeit, der Wärme, der fast südlichen Pflanzen,– Glycinien, Pfirsische, Azaleen, Rhododendron, Kirschlorbeer, das wächst hier besonders gut, ungefährt wie in Ober-Italien .

Der Winter ist wie im Flug vergangen, und ausser ein paar Regen- und Nebeltagen,– die aber immer wieder durch freundlichere unterbrochen werden,– ist er nie unangenehm geworden, – ich habe heuer nicht einmal den leisesten Schnupfen gehabt. In vier Wochen haben wir hier vollsten Frühling, einige Büsche blühen schon, Krokus und Schneeglöckchen sind heraus, und in den Gärten wird schon fleissig gearbeitet.

Warum, Leiber, hast Du so »reichlich Gelegenheit«, Dich zu ärgern und dadruch Deine Stimme zu verlieren? mit wem? immer nur die abscheulichen geschäftlichen Dinge?! Sonst muss doch alles lieb und schön und freundlich in Deiner Umgebung sein,– oder nicht?! Die Kinder sind doch sicher nicht zum Ärgern, – und das Haus? functioniert es, wie es soll? Niemand schreibt mir darüber.

Die Grete kommt übermorgen, Sonntag, zurück, und ich möchte gern noch das Nötigste verfügen und fahren, sobald ich irgend kann, ich hoffe, im Lauf der nächsten Woche. Heut ist noch eine wichtige Besprechung mit dem Architekten der Soscha,– (die die Grete vertritt,) – da soll Verschiedenes festgelegt werden. Aber glaub mir, Lieber, es wäre wirklich nicht gut möglich gewesen, früher wegzufahren, man muss doch täglich da sein und allerlei Unsinn verhüten, der sonst unfehlbar geschähe, trotzdem man’s mit sehr ordentlichten Leuten zu tun hat.

Schüleins sind noch auf der Bühler Höhe und fühlen sich oben so wol, dass sie erst ein bischen später hieher kommen.

Was nun die Gegenstände Deiner Aphorismen betrifft, möchte ich Dir viel erzälen,– auch in Hinsicht auf Gundolf. Dem ist auch nichts verhasster als Journalismus,– so wie Du ihn auch siehst,– und der Bahr z. B. ist ihm ein Gegenstand des Hohnes, so oft das Gespräch nur in die Nähe kommt. Sein » Grillparzer 1« hat mich sehr, sehr bewegt,– er stellt ihn als Talent und Charakter sehr hoch,– was er aber nicht umhin kann, zu constatieren, ist das gewisse Allgemeine Oesterr. Element, eine Lähmung, die vom staatlichen ausgeht, eine Resignation, die alles herabdrückt und in’s Unfruchtbare, statt in’s Heroische leitet.

Nun musst du wissen, dass diese Menschen (um George) vollkommen auf der Idee des Staates beruhen, und dass darin alle Wurzeln ruhen, die der »Kunst« des Religiösen, des × Kultlichen überhaupt,– wie in der Antike, wo Kunst und Kult eng verbunden waren, – nicht Kunst ein scheinbar frei schwebendes gewesen ist, wie heute, wo sie nicht mehr den festen Unterbau hat, – so wie das Wesen der Erziehung ein unbeschreiblich wichtiges Capitel. Ich habe neulich ein Stück aus dem Aristoteles kennen gelernt und war sprachlos, wie actuell das alles ist. (Ich muss übrigens jetzt ein Buch lesen, »Norm und Verfall des Staates« von Hildebrandt.) Selbstverständlich aber ist die Grundlage aller dieser Georgeschen Wege Plato .

Ich bin nicht gescheit genug, Lieber, und weiss auch viel zu wenig, um Dir ein wirkliches Bild geben zu können,– ich haber nur Ahnungen, – was ich aber sicher fühle, ist: dass diese Menschen das stärkste und schärfste Gewissen, das höchste Verantwortungsgefühl dem Wesentlichen, dem Göttlichen gegenüber tragen,– von allen Menschen, die ich kenne.

Beiläufiges, oder Ausbiegungen, sind hier nicht gut denkbar. Sehr bedeutungsvoll auch ihre Stellung zu Musik: sie ist (charakteristischer Weise in Oesterreich am stärksten) auch nur innerhalb gewisser Bedingungen »erlaubt«,– soweit sie eben nicht die wesentlichen Dinge auflockert und in’s Grenzenlose verschwimmen lässt.

Eine reiche, eine bequeme Welt ist das nicht,– eine unwert männliche Angelegenheit. Aber sie wieder umreissen, wo jede begrenzende Linie verloren gegangen ist,– sie wird wieder aufbauen, wo alle Pfähle in’s Wackeln gekommen sind. (Freud ist daher auch ein teuflisches Element.)

Das Eine steht für mich fest: Hofmannsthal, den ich, o wie gut, instinctmässig längst geahnt habe, als das satanische Wesen, das er, der Gehetzte ist, büsst sein Leben lang, mit Qualen, die gewiss Niemand ermisst, seinen Abfall von einer Welt, die so hoch und rein wie die des Meisters ist,– und der er doch einmal so nahe war. Jetzt erst begreife ich, oft mit Lächeln, die affenhaft verzerrten Gepflogenheiten, die ihren Ursprung ganz wo anders haben: seine »Diplomatie«, seine Verschleierungen, sein Herumschieben mit Menschen wie mit Schachfiguren,– aber auch seinen wunderbaren »Tor und Tod« und alle die tiefen herrlichen Unentrinnbarkeiten seines Wesens, wo es an Hohes grenzt. Aber wo ist er hingekommen!

Lieber, ich freu mich sehr auf Dich und auf gute Gespräche,– ich träume oft von Dir, und neulihc so komische Dinge. Und mein Häusel wird ja doch erst Wurzel in mir fassen können, d. h. die Idee des Häusels, wenn Du mir Deinen Segen dazu gegeben haben wirst. Du musst schon so lieb sein und mir innerlich ja sagen zu dieser neuen Heimat, lehn sie nicht ab und verhalte Dich nicht unfreundlich zu ×××× gegen sie.

Komm lieber bald her und sieh sie Dir an, ich wünsche mir, dass Du Deinen Geburtstag hier verbringst. Aber bis dahin sehen wir uns ja noch.

Ich habe eine Bitte an Dich: nicht wahr, Du sprichst zu Niemandem, insbesondere nicht zu Beer-Hofmann, von den Dingen, die ich Dir erzäle, vielmehr andeute. Es ist streng verboten, zu erzälen,– um Missdeutungen zu verhüten,– und das hat seine Berechtigung.

Sonst gehts mir ganz gut, mein Magen ist besser, aber ich muss immer sehr acht geben. Der geringste Fehler rächt sich. Die Pension Jaeger, die über den Winter nicht in Function war, eröffnet jetzt am 1. März, – das Essen soll nicht gut sein, mit 10.000 M. Tagespreis. Die Schüleins werden hier in der Pension Zeppelin, in kleinen Passantenzimmmern, 7000 zalen. Ich glaube also kaum, dass meine kleine Wirtschaft unökonomisch sein wird, auch richte ich sofort das Fremdenzimmer im Dachgeschoss zum Vermieten ein.

Die letzten Tage war ich viel allein, jeden Abend zuhaus, lesend, nähend. Um den Schönberg (denk ich nur an sein verzerrtes Gesicht) beneid ich Dich nicht, um wie viel weniger um seine Musik. D r Weingartner hat mir aus München eine sehr liebe Karte geschrieben, schreib mir doch seine Wien er Adresse, ja? Wann sollst Du denn nach Dänemark ? Eben hab ich wieder Jacobsen-Novellen gelesen, Frau Fönss hat mich zu Thränen ergriffen, lies es.

Schreib mir bald wieder, ja? und ärgere Dich nicht, es fast nie der Mühe wert.

Alles Innigste, O.

Tausend Küsse an meine Kinder, hätt ich sie nur schon.2

Schnitzler, Olga Baden-Baden 23. 2. 1923
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4550

    eh. Brief, 5 Bl., 10 S., Lateinschrift.

1 Grillparzer Erstmals erschienen am 15. 1. 1922 ( Berliner Börsen-Courier, Jg. 54, Nr. 25, Morgen-Ausgabe, 1. Beilage, S. 5). Sie bezieht sich wohl auf den Abdruck in Bahrs Buch Sendung des Künstlers (Leipzig: Insel Verlag 1923, S. 122–128), erschienen Anfang Januar 1923.
2 Tausend Küsse an meine Kinder, hätt ich sie nur schon.Quer zum Text.