Olga an Arthur Schnitzler, 5. 10. 1923

für Deinen Brief dank ich Dir, – möchte aber öfter welche von Dir haben,– Du hast mir jetzt lange nicht geschrieben. Wie gehts Dir denn? ich hoffe, die Frische, die Du Dir aus der Schweiz mitgebracht hast, hält noch weiter vor, und Du findest doch die richtige Stimmung, den »Verführer« weiter zu bringen. Sprichst Du mit Niemandem darüber? wälzt Du das alles ganz allein in Dir herum?

Was gibt es denn für neue menschliche Erscheinungen um Dich? irgendwas, das nicht nur Statisterie wäre? erzäl nur ein bischen. Und wie hat Hauptmann gewirkt? das Kind schreibt begeistert. (Aber warum Chapiro? die Menschen haben kein Organ für Maasse,– offenbar.)

Ebenso: die Christiane, von der Kassner erzält, dass sie ein feines, ernstes, kluges Geschöpf ist, und so hat sie auch immer auf mich gewirkt,– bei Grossmann! Der Hugo ist wirklich ein Satan, – und verdient dafür die Todestrafe, denn ein Kind! in diese Atmosphäre schnuppern zu lassen, ist ganz wörtlich ein Verbrechen, nein, eine schwere Sünde.

Wie ist dieser Mensch aus den Angeln! und was für ein Weg,– von George über Rich. Strauss zu – Grossmann!! Es ist arg.

Die Soscha hätte in Hiddensee, von dem sie ganz erfüllt zurück kam, Hauptmann kennen lernen können, und hat es abgelehnt. Worüber habt Ihr den gesprochen?

Lieber, nebstbei: mein Telegramm, hat, hoffe ich, Unheil verhütet, Du wirst doch den schweren Fehler mit dem Geldwechsel kein zweites Mal gemacht haben. Nur so viel: alle Preise gelten hier von 4 Uhr Nach. bis 4 Uhr des nächsten Tages. Eine Milchkanne aus Aluminium, die ich bestellt und die mein Mädchen aus Zufall nicht sofort holen konnte, kostete anstatt 250 Mill. am nächsten Tag 308! so geht das jetzt, – eine Folge der Curse. Ich schrieb ja an Heini: der Dollar vorgestern 400 Mill., gestern 550. Man spricht davon, dass er auf eine Milliarde kommt.

Sonntag kommt, o Gott, das ganze Bankhaus Hermann zu mir zum Thee, es war nicht zu vermeiden, da sie vergangenen Sonntag Vormittag vollzälig bei mir Karten abgegeben hatten. Salzens wollen kommen, um mir die Situation zu erleichtern.

Das »Concert« von Bahr ist, trotz seiner Mängel, namentlich im III Akt, ein hübsches und wirklich lustiges Stück, und ich muss mein Urteil von »damals« widerrufen. Es liegt die weise Gelassenheit eines Menschen darin, der ganz genau weiss, wie selten Liebe und wie notwendig das unschuldige Spiel der Sinne ist, und der es sich verbittet, Gewichte zu verschieben. Daher das irgendwie erlösend Heitere des Stücks und sein berechtigter Erfolg.

Wie ein schöner Orgelpunkt wirkt die Frau,– Du musst es Dir wirklich einmal ansehen. Wir hatten in den letzten Tagen, auch durch Anderes dahin gebracht, verschiedene Gespräche über Dinge des Gefühls, und Soscha sagte gestern: es scheine doch, dass sich auch das ändere, nach Generationen unterscheide,– Probleme, die welche waren, seien für sie keine mehr, und so sehe man wieder eine andere Art bei den jungen Menschen von heute.

Ich weiss es, wie sich meine eigene Anschauung im Lauf meines Lebens geändert, gelöst, erweitert hat.

Ein Hauptspass war es, zwischen Soscha und dem Prof. zu sitzen, und diesem zuzusehen, wie er sich amüsiert hat: denn die Ehe der Beiden ist durchaus nicht himmelblau verlaufen, dazu sind sie Beide zu starke und ausgesprochene Naturen, – aber sie wissen von ihren tiefsten und unlöslichen Zusammenhängen und haben danach gelebt.

Auch eine a A ndere, nicht uninteressante Ehegeschichte hat mir Dr O. erzält, die seines Freundes in Celerina , bei dem Du warst. Das muss ein ausserordentlich feiner, reiner und gütiger Mensch sein. Was man lernen muss: sich und seine Umgebung kennen, sich nichts vormachen, sich nicht von Sentiments, Convention und Eitelkeiten verblenden lassen,– sondern wahr sein, wahr, wahr, wahr! Dann würden weniger Fehler geschehen, und weniger schlechte und verwirrende Bücher und Theaterstücke geschrieben werden. Das alles ist ein weites Feld, und ich bilde mir ein, wir könnten noch wunderschöne fruchtbare Gespräche darüber haben.

Leb wol, Lieber, schreib mir bald. Alles Gute! O.
Schnitzler, Olga Baden-Baden 5. 10. 1923
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4550

    eh. Brief, 4 Bl., 8 S., Lateinschrift.