Elsa Plessner an Arthur Schnitzler, 7. 8. [1897]

Hochverehrter Herr Doctor!

In ganz unsagbarer Aufregung richte ich diese Zeilen an Sie, über die Sie ja vielleicht lachen werden, aber ich gestehe Ihnen, dass ich gottesjämmerlich geweint habe und noch weine. Nur um ein Verfahren vor Ihnen zu rechtfertigen, das ich genöthigt bin, gezwungen sogar, anzuwenden. Das Erscheinen der heutigen »Zeit« brachte mir statt der so lange erhofften Freude einen so intensiven Verdruss, dass ich noch jetzt vor Wuth am ganzen Leibe zittere. Es hat nämlich jemand, da leider, leider Herr Bahr abwesend ist, meiner Arbeit den bösen Dienst mehr als geschmackloser Correcturen geleistet und zwar nachträglich, das heißt, nachdem der Correcturbogen von mir als endgiltige Form der Arbeit abgesandt war. Nicht nur, dass ich die Berechtigung zu dieser Handlungsweise jedem noch so vorsichtigen Schriftleiter bestreite, bin ich außer mir darüber mit meinem künstlerisch noch unbescholtenen Namen mehr als andere, als unvermeidliche eigene Geschmacklosigkeit decken zu müssen, wie unter anderm die Zerstörung einer meiner besten st i y l y i stischen Wendungen bezüglich der »grausamen Fülle1«. Aber insbesondere das künstlerisch geradezu unsühnbare Verbrechen, meine Arbeit auf eigene Hand und ohne mein Wissen »eine Parabel2« zu nennen, wo ich mit wohlerwogener Absicht überhaupt keine Bezeichnung hingesetzt habe, meine Arbeit aus einer naiv-bedeutungsvollen Sphäre in die einer lehrhaften zu schubsen – – × was kann ich dazu sagen? Ich habe keine andere Waffe als die, morgen Sonntag mit dem Frühesten einen Rundgang durch alle wichtigen Kaffeehäuser, Pucher, Scheidl u. s. w. zu thun, und dortselbst die mir aufoctroirten Correcturen in den aufliegenden Nummern der »Zeit« auf eigene Hand mit Blaustift auszumerzen und dazu ganz ehrlich und offen meinen Namen zu unterschreiben. Ich will eben mit der Redaction der »Zeit« keine Differenz haben wo ich eigentlich dem Himmel d. h. Herrn Bahr und Ihnen so herzlich und bestens für die Aufnahme meiner Arbeit danke. Wenn es irgendwie Unannehmlichkeiten geben sollte, was ich kaum glaube, da ja für andere eine Lappalie, was mir bei meinem Debut eine Staatsaction ist – Sie werden mich verstehen und entschuldigen, wenn nicht rechtfertigen.

Ich wünsche gar nicht zu wissen, wer sich – in der besten Absicht gegen mich vielleicht – so unliebsam meiner Arbeit angenommen hat, dass ich an dem Erscheinen derselben so gar keine Freude mehr habe. Durch die Redaction selbst ist ja keine Redressur möglich, deshalb – so weit es geht – versuche ich auf eigene Rechnung, was leider ziemlich wenig helfen wird, da ich nicht die ganze Abonnentenliste der »Zeit« damit behelligen kann. Allein ich bitte Sie, lieber, guter Herr Doctor so herzlich ich kann, dafür zu sorgen, dass die literarischen Kreise, an deren Urtheil mir ja hauptsächlich liegt – ein wenig von der Vergewaltigung erfahren, die meiner literarischen Ehre angethan wurde! Ich bitte Sie, lieber guter Herr Doctor vielmals um diese Gefälligkeit, soweit sie natürlich Ihnen nicht unbequem ist – und wenn Sie mich ein bisschen lieb haben und mir beistehen und helfen wollen wie schon so oft, so werden Sie mir diesen innigen Wunsch erfüllen. Ich bitte nochmals! Herrn Bahr will ich für Jetzt damit noch nicht kommen aber es folgt schon noch, und ich bin überzeugt, dass es ihm nicht gleichgiltig sein wird, wie man mich behandelt hat. Nicht wahr, Sie missverstehen mich nicht und sind nicht sehr böse auf mich? Sie sind doch so gut!

Viele viele dankbare Grüße
ElsaPlessner
  • D Marbach am Neckar Deutsches Literaturarchiv A:Schnitzler, 85.1.4198

    eh. Brief, 2 Bl., 8 S., Lateinschrift

1 grausamen FülleIm Erstdruck ( Die Zeit, Bd. 12, Nr. 149, 7. 8. 1897, S. 95–96) lautet der Satz: »Ermattet von dem ziellosen Wünschen und der grausamen Fülle ruhte sie nun unbeweglich mit geschlossenen Augen – wie schlafend.« Für die Erstausgabe ( Der gläserne Käfig. Skizzen und Novellen. Wien , Leipzig : Leopold Weiss 1901 ) wurde er nicht geändert.
2 eine ParabelNicht in der Erstausgabe.