Reicher an Hermann Bahr, 14. 12. 1891

Mein armer Freund!

Also so krank gewesen? Das ist allerdings unangenehm, schmerzlich und – kostspielig – aber: »der Tod knapp vorbeigekommen«? – Nein! – Auch wieder ein wenig »romantische Träum!« –

Na trösten Sie sich mit mir, ich hatte auch Influenza – allerdings nicht so schlimm, aber ich war doch auch bettlägerig. – Und doch für mich gearbeitet! Daß ist unendlich rührend, und danke ich Ihnen herzlichst dafür.– Natürlich, lese ich von Ihnen etwas! Wollen Sie mir Vorschläge machen?– Uiberhaupt schlagen Sie mir einmal ein interessantes Programm vor. – In Wien im Märchen spielen geht nicht – ich kann mich erstens nicht auf so lange Zeit – mindestens 8 Tage Proben nicht frei machen, und dann wäre es auch nicht gut, wenn ich vorher dort spielen würde. – Oeffentliche Vorlesung halte ich auch nicht für gut. – Ich bin mit den beiden Sachen, Soiree 1 und Matinée 2 vollauf zufrieden. – Schnitzler’s Einakter3 ist originell aber doch nur ein kleiner Scherz – nicht wahr?– Sehen Sie mal zu, Theuerster, daß die Sachen bald die Censur passieren, bitte bitte machen Sie da ein wenig Feuer. –

Grüssen Sie Goldschmidt, Bératon (für den ich bereits hier Käufer werbe) und die andern Herrn und seien Sie selbst herzlichst gegrüßt von Ihrem treuen
Em R
Reicher, Emanuel Berlin 14. 12. 1891
Bahr, Hermann [Wien]
1 Soiree Am 5. 2. 1892 im Salon der Fürstin Pauline Metternich.
2 Matinée Am 7. 2. 1892 im Haus von Adalbert von Goldschmidt.
3 EinakterUnklar, vermutlich eine der Anatol-Szenen, von denen Reicher einige Monate später Frage an das Schicksal in sein Vorleseprogramm aufnahm; eventuell auch Alkandi’s Lied.
4 Trinken Sie fleißig Bordeaux und Cognac und rauchen Sie nicht so viel Virginia!Am linken Rand der 1. Seite.