Leopold von Andrian an Robert Michel, 27. 2. 1900

Oberlieutenant Robert Michel
4tes Bosn. Regiment
Mein lieber Bobby,

es geht nicht auf Theilnahmslosigkeit Deiner Person gegenüber oder mangelndem Interesse für Deine Producte zurück, wenn ich erst Dir heute zum erstenmal im neuen Jahr schreibe.

Bald nach Neujahr ist Etwas vorgefallen, was meine Existenz vollständig ×××××××××× verwirrt hat, ein Ereignis das mich in die größte Besorgnis gestürzt hat, mich gezwungen hat, auf 4 Wochen nach Italien zu gehn, und was mir wahrscheinlich sehr viel Geld kosten wird; daß es mir durch einen sogenannten Scandal1 d. h. ein augenblickliches allgemeines, im Munde der Leute sein, meine Exis österreichische Existenz kosten wird, ist nicht mehr sehr wahrscheinlich. Ob es mir aber nicht meine ohne Scandal den von mir ergriffenen Beruf und dadurch wohl auch includiert die Existenz in Österreich , unmöglich machen wird, darüber bin ich im Unklaren.

.  .  .  Ich werde Dir, sobald wir uns sehn, Die Sache erzählen, bitte Dich aber, Niemandem gegenüber ein Wort darüber zu äußern, daß ich Dir diesbezüglich Etwas mitgetheilt habe. Die Angelegenheit, obwohl über das unangenehmste Stadium hinaus, hat noch im Lauf der letzten Zeit, oft in sehr indirectem Zusammenhang mit ihr stehende, Schritte nothwendig gemacht – so habe ich auch auf Deine zweite Arbeit 2 nur telegraphisch geantwortet.

Beide Arbeiten gefallen mir sehr gut und scheinen mir verschieden zu zeigen, daß Du unwahrscheinlich begabt bist zwar au wi rken sie auf mich auf eine Art, die vielleicht die natürlichste ist. Ich fange an zu lesen, werde interessirt, von dem was geschieht, und im allgemeinen schlägt jede Wortkombination (Substantiv-Adjectiv) bei mir ein, macht mir einen Eindruck, während gleichtzeitig meine Theilnahme für die Personen von denen Du sprichst wächst.

Beide Male war ich ergriffen und nah dem Weinen bei den traurigen Stellen der Geschichte. (Ich habe hier im Ministerium, wo ich schreibe die Manuscripte nicht bei der Hand, das erschwert diesen Brief.) Ich möchte Dir nämlich paar Worte über die Fehler sagen. Bei der ersten Geschichte 3, die mir trotz des ersten starken Eindrucks, die viel schwächere scheint und die weniger wirkungsvolle, unterscheide ich zwei Arten von Fehlern. Die erste, uncorrigirbare Art von Fehlern, ein Fehler eigentlich, uncorrigirbar aber gewissermaßen nur negativ und mir nicht so unsympathisch besteht (für mich) darin, daß weder die drei Musikanten für unsre Seele plastisch, wirklich, im Relief herauskommen, noch auch der Lieutenant, der die Geschichte schreibt, noch auch endlich ein prägnantes Erlebnis, im Vorgang, bei dem uns eventuell direct die ganzen Seelen der Handelndnen enthüllt werden bräuchte, aber soviel davon in einem solchen Licht, daß wir uns sagen müssen, hier ist durch das Eingreifen des Lieut X – die Existenz von drei Menschen ganz anders gestaltet worden. Auch das ist nicht der Fall – als Erzählung ist das Ganze wohl mislungen – auch nichts zum Drucken, glaube ich, – es sind angeschlagene, angenehme Tonreihen, keine Musik. Was nun trotzdem mir das Ganze erfreulich und schön macht, und mir bei einem Urtheil über den Dichter das Günstig entscheidende zu sein scheint, ist folgendes: – der Grun Inhalt der Geschichte, das seelische Erlebnis ist interessant wie (was meinem Gefühl die Hauptsache ist) die Reihe der Bilder die uns Stückw unter dieses Erlebnis vorgeführt werden sind interessant, weil das Gewebe der Worte im Großen und Ganzen gut ist, d. h. wie die Worte und Sätze und Wortverbindungen meistens die äußeren Vorgänge, Dinge und Personen (und die nehmen den Hauptraum in der Erzählung ein) ernst, objectiv und anschaulich wiedergeben und auch insofern vorsichtig gewählt sind, als sie das von den Objecten nehmen, was an ihnen entweder im ganzen characteristisch ist (z. B. die dicken Mauern des Türkenhauses) oder für das Verhältnis zum Hautvorgang (der Lieuten. und zwei Türkenbuben) wichtig ist. (z. B. alles über die militärischen Vorgänge.) Meistens leider nicht immer! Die geschwätzigen, und f gewöhnlichen, und für mein Gefühl gemeinen Stellen der Erzählung (ich habe sie bevor ich das Manuscript den Schriftstellern 4 vorlas ) , möglichst umgeändert) stören mich vielmehr in meiner Wertschätzung von Dir, als, daß »das Ganze« verpatzt ist.

Der Sch Der Schluß! »Heute ist Allerseelentag« – die Ausdrücke die »kleinen« Beamten, die »Frau« Gerichtsräthin gehn mir auf die Nerven – vielleicht mit Grund.

Ich habe diese erste Geschichte vor Bahr, Schnitzler, Hirschfeld, Servaes, Gold, (Hugo war krank) vorgelesen5. Hirschfeld hat gesagt die Erzählung habe ihn sehr ergriffen; die andern haben manches ausgesetzt, vorausgesetzt wie sie sagten, daß es sich um eine Arbeit von einer gewissen Höhe des Niveaus handle; daß Du auf dieser Höhe stehst (dieses Höhe des Niveaus ist es auch, die ich als das Erfreuliche an der Arbeit bezeichnete,) schienen sie bei Dir nach dem Osmanbegovic 6 für selbstverständlich zu halten.

Deine neue Arbeit, die im Ganzen glaub ich viel gelungener ist scheint mir zwei Stellen zu haben, die Du unbedingt ändern solltest

Ich habe heute Vormittag im Bureau Deine zweite Erzählung nochmals durchgelesen. Sie erscheint mit durchaus gut und ich hoffe sie bestimmt in einer anständigen Zeitung unterzubringen – sie dürfte wohl seit Osman-Begović Dein gelungenstes Product sein. Vielleicht nicht ganz auf der Höhe ist das erste Erlebnis des Bečir – sowie der Tod des Alija. Doch rathe ich daran nichts zu ändern. Wo ich dagegen Bemerkungen hingemacht habe, bitte ich Dich entsprechend zu ändern – was ja immer sehr einfach ist. Die betreffend Blätter mußt Du aber neu abschreiben, damit niemand meine Correcturen sieht; Thu das sofort und schick mir dann wieder gleich das Manuscript, damit ich es den competenten Leuten zeigen kann. Ich habe so ein komisches Gefühl – mir selbst nicht klar – bezüglich der Stellen, die ich geändert haben will. Sie scheinen mir gerade eine Schande für Dich – ich möchte, daß niemand sie sieht – wie als ob Du durch sie etwas Grausliches verrathen würdest. Also änder sie sorgfältig – denn Alles andere hat mir wirklich sehr gut gefallen. Diese Lob klingt vielleicht Etwas schwach, es ist möglich, daß Du viel mehr verdienst, nur meine Unerfahrenheit zu litterarischen Erzeugnissen – und Zweifel an meinem Urtheil halten mich ab, ein vergleichendes Urtheil zwischen Deinen und andern Sachen zu anzugeben . –

Wann kommst Du nach Wien ? Vielleicht fahre ich im Frühjahr nach Bosnien , wenn Du nicht herauf kommst.

Ich bleibe herzlich Der Deine
Poldi.

PS.
Was das Geld betrifft, was Du jetzt nicht bekommen hast, so kann ich Dir erst am ersten April etwas schicken. Da die schlechten Finanzen mir 20 fl monatlich gestatten, werde ich Dir dann 65 fl. (das Weihnachtsgeschenk, die Monate Jänner u. Februar zuschicken). Am 1ten Juli bekommst Du weitere 80 fl (März, April, Mai, Juni)

P

  • A Wien Österreichisches Literaturarchiv Nachlass R. Michel, 125/B1/133

    eh. Brief, 5 Bl., 16 S., Lateinschrift, Kuvert, darauf von unbek. Hand » A64«.

    Stempel 1: Wien 1/1 1. 3. 00 5–6 N
    Stempel 2: K. und K. Milit.-Post Mostar 4/3 00
1 ScandalNäheres nicht bekannt; es könnte sich um die Gefahr der Offenlegung einer homosexuellen Handlung gehandelt haben, die mit Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren schwerem Kerker geahndet werden konnte.
2 zweite Arbeit Robert Michel: Vom Podvelež. In: Die Zeit, Bd. 30, Nr. 389, 15. 3., S. 175–176, und Nr. 390, 22. 3. 1902, S. 190–192.
3 ersten Geschichte Robert Michel: Die drei Musikanten. In: Neue Deutsche Rundschau, Jg. 13, H. 10, 1. 10. 1902, S. 1102–1109.
4 Schriftstellern Darunter Bahr und Schnitzler, siehe übernächsten Absatz.
5 vorgelesen Schnitzler, Tb 10. 1. 1900: » Andrian las Einigen eine leidliche Novelle von Michel vor.«
6 Osmanbegovic Robert Michel: Osmanbegović. In: Die Zeit, Bd. 16, Nr. 203, 20. 8. 1898, S. 127–128.