Hermann Bahr: Wie schafft man eine Wiener Sommersaison?, 21. 10. 1909

Das Geheimnis der Münchner ist: sie wissen, was den Fremden anzieht, und das bieten sie ihm, manchmal im stillen bei sich ganz verwundert, wie ihm denn »so was« eigentlich gefallen kann.

Wir hätten in Wien manches in unserer Kunst, um den Fremden anzuziehen. Machen wir doch eine Mahler-Woche zum Beispiel! Machen wir eine Schönherr-Woche! Gebt den Leuten von der Kunstschau die Mittel, ein Gartentheater nach ihrem Sinn zu machen! Führt einen Monat lang uns auf! Den ganzen Schnitzler, den ganzen Hofmannsthal, den ganzen Schönherr, Beer-Hofmann und mich!1 Und statt auf uns zu schimpfen, sagt den Fremden: »Das ist das Beste, was wir haben, und in dieser Art können Sie nirgends was Besseres sehen!« Im Winter, wenn die Fremden wieder fort und wir wieder unter uns sind, könnt Ihr ja wieder auf uns schimpfen!

  • Bahr, Hermann Wie schafft man eine Wiener Sommersaison? Fremden-Blatt 21. 10. 1909 63 291 25
1 Gebt den Leuten von der Kunstschau die Mittel, ein Gartentheater nach ihrem Sinn zu machen! Führt einen Monat lang uns auf! Den ganzen Schnitzler, den ganzen Hofmannsthal, den ganzen Schönherr, Beer-Hofmann und mich!Die Umfragebeantwortung von Karl Kraus als Zur Hebung des Fremdenverkehrs in die Fackel (Jg. 11, H. 289, 25. 10. 1909, S. 25–26) aufgenommen. Statt des Endes schreibt er: »Ein Traum verwirklicht sich, die Wiener kriegen einen Fremdenverkehr. Das Einfachste war zu tun, und nun glückt die Sache. Die Engländer strömen massenhaft nach Wien : man bekommt den ganzen Beer-Hofmann zu sehen!«