Hermann Bahr: Arthur Schnitzler zu seinem 60. Geburtstag, Mai 1922

ZU SEINEM SECHZIGSTEN GEBURTSTAG
(15. Mai 1922)

Was meinst Du, lieber Arthur, wieviel wird in hundert Jahren von Dir noch am Leben sein? Und wieviel von mir?1 Wie viel von uns allen? Du fragst vielleicht, ob ich Dich das grad an Deinem sechzigsten Geburtstag fragen muß, aber kannst Du Dich erinnern, daß ich je schicklich war? Und Du wirst auch gleich sehen, Du kommst bei meiner Frage weit besser weg, als Du vermutest; ich fürchte: besser als irgend einer sonst von uns! Es sieht dir ja nicht gleich, anzunehmen, daß Du zeitlose Werke geschaffen hast, ewige, wie man die nennt, mit denen nach Jahrhunderten noch die Schuljugend so geplagt wird, daß auch der Erwachsene, wenn er den Namen hört im ersten Schreck sie zu kennen verlogen vorgibt. Wer sich aber nicht schmeichelt, den kommenden Generationen solche Qualen bereitet zu haben, wovon soll er sich Nachruhm erhoffen? Warum soll in hundert Jahren jemand uns lesen? Was wird denn in hundert Jahren überhaupt sein, dort wo wir jetzt sind, wo vor einiger Zeit noch unser altes Österreich war? Nun, ich vermute: da wird in hundert Jahren wieder jenes Österreich sein, wenn auch vielleicht ein bißchen anders, ein bißchen verrückt, nämlich mehr nach Osten, vielleicht auch unter einer anderen Firma, wahrscheinlich unter einem anderen Namen, ich denke, daß es Böhmen heißen wird, den heiligen Benes wird es als Erzvater verehren, und dieses neu betitelte Reich, als Eckfenster Europas, wieder für die Länder des Abendlands genau so wichtig, geheimnisvoll und unverständlich, wie es unter dem alten Namen war, wird nun, gerade weil es auf seine neue Form sehr stolz sein wird, das Bedürfnis aller neuen Formen haben: sich mit Ahnen zu versehen und sich möglichst weit zurückzudatieren; es wird leidenschaftlich historisch gesinnt sein. Und in seiner Urgeschichte wird das letzte Kapitel, bevor das Erwachen der Menschheit beginnt, ja von uns handeln: denk Dir, wie ungeheuer interessant wir dann sein werden, als die letzten Stammväter, um die gleichsam der Urwald noch rauscht! Und wenn man dann die Sitten, Denkweisen, Lebensarten des sanften Abendrots, in dem das Österreich der Vorwelt verglomm, durchforscht haben wird, wird man sich an den Künstler halten, der jenes Abendrot von 1890 bis 1920 am reinsten zu spiegeln, scheint. Und der, lieber Arthur, bist Du! (Denn ich selber komme ja da schon deswegen nicht in Betracht, weil ich das Abendrot für einen Sonnenaufgang hielt; ich muß mich im besten Fall mit der Unsterblichkeit eines Spaßvogels begnügen, zum Gaudium der Enkel.) Du hast, wie kein anderer unter uns, den letzten Reiz des verschimmernden Wien mit zarter Hand gefaßt. Du warst der Arzt an seinem Sterbebett, Du hast es tiefer geliebt als irgend einer von uns, weil Du schon wußtest daß keine Hoffnung mehr war: gerade die namenlose Melancholie, die mich zuweilen ungeduldig gegen Deine Werke, ja fast mit Dir selbst werden ließ, sichert Dir ihre Zukunft: als ein rührender Abschied von Österreich leben sie, so lang ein dankbares Erinnern an die Kaiserstadt nicht ganz erloschen sein wird. Du bist der letzte Dichter ihrer Agonie gewesen.

Unter den Plänen der Zeit, in der es fast aussah, als ob ich etwas wie der Burgtheaterdirektor wäre, war auch der einer neuen Inszenierung Deiner »Liebelei«, nämlich »im Kostüm«: die Dekoration des ersten Aktes genau nach der Einrichtung Deiner Junggesellenwohnung von 1892 kopiert, das Zimmer des zweiten und dritten in der gewissen vorstädtischen Mischung von ein paar ererbten echten Biedermeierstücken mit scheußlichster billiger nachgemachter Tapezierherrlichkeit aus den siebziger Jahren; und alle durchaus in der Tracht nach der Mode von damals, viel »echter« als in der Première, zu deren Zeit Regisseure derlei »Nuancen« noch gar nicht oder ganz falsch verstanden. Hätte ich heute beim Theater noch was zu reden, ich würde Dir zu Deinem Sechzigsten eine ganze Reihe Deiner Stücke so, mit dem Wohlgeruch ihres Augenblickes, vorspielen, sie müßten, wenn man ihnen ihr Alter gibt, auf einmal wieder ganz jung sein. Du selbst aber wirst, wenn sie sich Dir einst in ihrer zweiten und dritten oder (haben wir denn nicht noch so schrecklich viele Geburtstage vor uns?) vierten Pubertät zeigen, staunen, welch unverwüstlich lebendiger Ausdruck und Abdruck jener sterbenden Zeit sie bleiben! HERMANN BAHR