Hermann Bahr: [Notizen zu Der Weg ins Freie], 7.–[12.] 6. 1908

7. 6. Die dumme Neigung der Juden, das »unnütze Erinnern«, worin wir alle leiden, sich künstlich zu schaffen: Statt froh zu sein, daß sie von unseren alten Ehrbegriffen, Sentimentalitäten usw. mit welchen wir uns schleppen, nichts wissen, zwingen sie sich gewaltsam in sie hinein. Ihre Kraft könnte eben die Freiheit von unserer Vergangenheit sein. Wie oft tobe ich über den Großvater in mir, der Statthaltereirat war.

Das Nichteingeladen sein wollen, was alle beleidigt. Und: ein Mensch, der nicht bei mir ißt, kann nicht verlangen, daß ich seine Bücher lese und zu seinen Stücken gehe.

9. 6. Welche Kunst ist die rechte, fragst du mich: Sage mir, welche Landschaft, welcher Wein, welche Blumen oder Früchte die rechten sind.

8/9 Dalila

Schnitzler: des Romans ruhig kreisende Bewegg. Wie ein Vogel, der langsam aufsteigt u. dann in der Luft liegen bleibt. »Ich könnte das nicht. Ich möcht das nicht Aber es ist sehr gut, das es kann u. will.1 1

Hätte ich jemanden zu erziehen, ich würde ihm jede Stunde sagen: Lerne verehren, das ist das erste Geheimnis, aber das zweite ist, lerne keinen Respekt haben. Die wenigsten, freilich, bringen es auch nur dazu, den Unterschied zu fühlen. Respekt haben ist, staatsbürgerlich2, bureaukratisch, bedientenhaft, aber Verehrung ist Freiheit, und vielleicht die einzige Art, sich gegenüber Gott und dem Göttlichen zu behaupten.2

Die einzigen ernsten Leute sind die Studenten.

Komisch Aufregg über den Festzug. Zimmerleute haben zu zimmern, die Maler zu malen, die Schneider zu schneidern, Fremde kommen, Wirte freuen sich und unser alter Adel kann, ein Costüm vom Schn. bis zur Burg tragend, beweisen, daß die alte Heldenstadt noch lebt.

6. Explosion in Ottakring (S. Verwaltung) ×××××× slaven

Schnitzlers Roman. Schlechte Politik. Punkto Juden. Es ist ein Irrtum, daß sie ihren Fall als etwas Besonderes darstellen. Das stimmt in unserem Land nicht. Hier sind alle Slaven (die Polen abgerechnet), die Rumänen, die Italiener unterdrückt. Sie haben die Rechte nicht, die ihnen nach ihrem eigenen Gefühl und dem eines billig Denkenden zustehen. Ebenso die Protestanten, noch mehr jene Verwegenen, welche sich für confessionslos bekennen. Die Arbeiter Die Juden teilen also nur den allgemeinen Zustand.

  • A Wien Theatermuseum HS VM 2103/30–32 Ba
  • Weiterer Druck: 1906–1908 Bearbeitet von Kurt Ifkovits und Lukas Mayerhofer 2003 380–381 Bahr, Hermann Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte Hg. Moritz Csáky Wien, Köln, Weimar Böhlau 1994–2003 V
1 Schnitzler: des Romans ruhig kreisende Bewegg. Wie ein Vogel, der langsam aufsteigt u. dann in der Luft liegen bleibt. »Ich könnte das nicht. Ich möcht das nicht Aber es ist sehr gut, das es kann u. will. Hermann Bahr: Tagebuch. 10. Juni, 6. 11. 1908; mit Anmerkungen von Arthur Schnitzler, [11.–13.] 11. 1908.
1 Schnitzler: des Romans ruhig kreisende Bewegg. Wie ein Vogel, der langsam aufsteigt u. dann in der Luft liegen bleibt. »Ich könnte das nicht. Ich möcht das nicht Aber es ist sehr gut, das es kann u. will.Gestrichen.
3 Hätte ich jemanden zu erziehen, ich würde ihm jede Stunde sagen: Lerne verehren, das ist das erste Geheimnis, aber das zweite ist, lerne keinen Respekt haben. Die wenigsten, freilich, bringen es auch nur dazu, den Unterschied zu fühlen. Respekt haben ist, staatsbürgerlich, bureaukratisch, bedientenhaft, aber Verehrung ist Freiheit, und vielleicht die einzige Art, sich gegenüber Gott und dem Göttlichen zu behaupten.Gestrichen.
3 staatsbürgerlichTextvariante: »knechtisch«.