Arthur Schnitzler: [Brief an Hermann Bahr], [Anfang Juli] 1923

Nun bist du also auch so weit, mein lieber Hermann, und musst Dir zu Deinem Sechzigsten gratulieren lassen. Ich hätte es gern unter vier Augen getan, wie es meinem Gefühl nach anlässlich so intimer Angelegenheiten sich eigentlich ziemte; aber er das »Neue Wiener Journal« findet, dass seine getere getreuen Leser dabei sein müssen und so trete ich Dir denn im Angesichte einer unübersehbaren und zugleich unsichtbaren Menge gegegenüber, um Dir in alter Freundschaft und Verehrung glückwünschend die Hand zu drücken.

Vor einem Jahre etwa, anlässlich Deiner Uebersiedlung nach München , schriebst du in deinem (ostensiblen1) Tagebuch), dass du eben daran gehst, den fünften Akt (oder schriebst du gar den letzten?) Deines Lebens zu inszenieren2. Vergleiche sind immer eine bedenkliche Sache. Pedant, der ich bin, fragte ich mich sofort: ist er der Autor des Stücks? Oder der Held? Oder der Hauptdarsteller? und was macht er in den Zwischenakten? Und wie ist es mit den Hervorrufen am Schluss? Und wie benehmen sich die Enthusiasten am Bühnentürl? Und wohin begibt sich der also Gefeierte nach Schluss der Vorstellung? Und was ist’s mit den Morgenblättern? Und wer schreibt die Kritik?– – – – Aber ich will es mir nicht zu schwer machen und nehme den Vergleich so leichtfertig auf, als Du ihn hingesetzt hast und spreche ganz einfach den Wunsch aus: der fünfte Akt (der übrigens so frisch eingesetzt hat, wie es sonst nur die ersteren zu tun pflegen) möge so inhaltsreich und amüsant verlaufen – für Dich selbst, die Mitspieler und die Zuschauer, als die fr es bei den vorhergehenden der Fall war.

Denn bisher war es ein köstliches Stück und ich bedauere ein wenig, dass mir im Grund nur eine Nebenrolle darin zugeteilt war (vielleicht, weil ich mit oder in einem anderen beschäftigt war . ? – als Autor? als Held? als Hauptdarsteller?? o O der sind wir vielleicht alle nur Episodisten in einer anonym eingereichten Komödie ohne Helden –? oh, Vergleiche, Vergleiche!!). Wann trat ich nur in Deiner Lebenskomödie zum ersten Male auf? Es wird wohl im zweiten Akt gewesen sein. Wir hatten auch, glaube ich, einige gelungene Szenen miteinander und nach Aktschluss durften wir uns ein paarmal gemeinsam nach Aktschluss verbeugen. (der Beifall blieb nicht ohne Widerspruch. Später kam ich leider seltener vor, vielleicht wirkt war ich ein bischen zu profan für das Mysterium, zu dem die bewunderungswürdige Komödie sich allmählig emporentwickelt e. hatte

Noch einmal zitiere ich Dich.

Im vorigen Jahr, mein lieber Hermann, als Du mir zu meinem Sechzigsten gratuliertest, da fragtest3 Du, rhetorisch natürlich, was wohl von unseren Sachen in hundert Jahren etwa noch übrig sein werde . ? Ich Das vermag es ich freilich so wenig zu beantworten als Du, und ×× glaube, dass Dich diese Frage im Grunde so wenig interessiert wie als mich, d D enn wie meinte jener Puppenspieler: » Sag mir, wann die Unsterblichkeit anfängt und ich will um meinen Ruhm besorgt sein. 4 « Aber wenn ich auch ganz so überzeugt ich bin, dass für einen Einen , der so köstliche Akte und Romankapitel und überdies so wundersame, in alle Tiefen des Menschen- und Künstlertums weisende Essais geschaffen hat wie Du auch noch einer ferneren Zukunft als ein wirklicher Dichter gelten wird; – dies scheint mir gewiss so sehr glaub ich , dass diese Bezeichnung Dein Wesen nicht völlig ausdrückt und umfasst; – und so viel oder so wenig von deinen einzelnen Werken in hundert Jahren noch übrig sein wird, – dies ist mir über alle m n Zweifel, dass du im Gedächtnis der NachWelt noch viel länger lange, lange Zeit als einer der merkwürdigsten, vielfältigsten und außerordentlichsten glänzendsten Schriftsteller fortleben wirst die je in deutscher Sprache geschrieben haben und dass der schwankende Begriff eines geistigen Oesterreich, um dessen Aufhellung sich Wenige so sehr bemüht haben als wie du, kaum jemals so fassbare, fruchtbare und lebendige reiche Wirklichkeit geworden ist, als in Deinem Wesen, Deinem Wirken, Deinem Wort. Möge uns diese lebendige ××××××××××××××××× Dreiheit noch lange in gleicher, schöner strahlender Lebendigkeit erhalten bleiben. Sei gegrüsst und bedankt!

Dein
Arthur Schnitzler

(Wr. Journal gedruck

  • GB Cambridge University Library Schnitzler, A 17,1 Juli 1923

    ms. mit eh. Korrekturen in Bleistift und Tinte, 5 Bl., von Schnitzler jede Seite mit » Bahr « beschrieben.

  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Hermann Bahrs sechzigster Geburtstag. Festgrüße Neues Wiener Journal 8. 7. 1923 31 10645 5
  • Weiterer Druck: Schnitzler, Arthur Briefe 1913–1931 Hg. Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Heinrich Schnitzler Frankfurt am Main S. Fischer 1984 315–317
1 ostensiblenostensibel: zum Vorzeigen geeignet.
2 fünften Akt (oder schriebst du gar den letzten?) Deines Lebens zu inszenierenKein wörtliches Zitat, Bahr schrieb: »Als ich vor zehn Jahren Wien verließ, meint’ ich mein Austragstüberl zu beziehen. Und nun geht es noch einmal in die weite Welt.« ( Tagebuch. 29. April. In: Neues Wiener Journal, Jg. 30, Nr. 10242, 14. 5. 1922, S. 6). (Eine Austragsstube war ein Zimmer, in dem ein Bauer wohnen durfte, nachdem er den Hof übergeben hatte; im übertragenen Sinn: für die letzten Lebensjahre.)
3 Im vorigen Jahr, mein lieber Hermann, als Du mir zu meinem Sechzigsten gratuliertest, da fragtest Hermann Bahr: Arthur Schnitzler zu seinem 60. Geburtstag, Mai 1922.
4 Sag mir, wann die Unsterblichkeit anfängt und ich will um meinen Ruhm besorgt sein. Selbstzitat aus dem Puppenspieler: »sag’ mir, in welchem Jahr die Unsterblichkeit anfängt, und ich will um meinen Ruhm besorgt sein.« ( Arthur Schnitzler: Marionetten. Berlin: S. Fischer 1906, S. 49). Hermann Bahr: Der Puppenspieler, 13. 12. 1904.